Diktatkönigin


Raunächte – Februar

Sehr studienortszentriert und schulortvermischt.
Erinnere mich an Aufgaben, die ich übernahm, zur Lesungsvorbereitung. Aufgaben, über die andere staunten, aber ich sagte, ich mag solche spießigen Aufgaben gerne. (Protokolle?)
Dann, wie ich diese Aufgaben nicht erledige. Vergesse, woraus sie überhaupt bestehen. (Bei dreieckigen Paprikachips und einer Schale Magerquark darüber sinniert, in meinem Mädchenzimmer.)
Wir bekommen Hardcoverbücher ausgeliehen, neu, aus einem österreichischen Miniverlag und mit Namenspost-its versehen, die wir für das Lesungsvorbereitungsseminar lesen sollten.
Der Dozent zeigt, dass seine Mail mit dem zickigen Schluss falsch verstanden wurde, weil das gif mit dem Zwinkersmilie nicht angezeigt werden konnte.
Wir haben ein Seminar in meiner vorletzten Schule, da laufe ich an einigen Lehrern jener Schule vorbei, über andere der letzten Schule schimpfe ich ein bisschen und sage den Namen eines Lehrers (ohne Wertung, eher erinnernd) sehr laut, da steht er am Fenster. Er hat sich lange nicht die Haare schneiden lassen und war auf beiden Schulen.
Meine Gastmutter aus Schweden hat Krebs, ich erfahre es erst jetzt. Werde ins Krankenzimmer eingelassen, sage Hallo. Wir reden über anderes, während die ganze Familie auf dem Bett sitzt. Ich setze mich dazu.
Der Dichter, dessen Tochter in einem Wirtshaus auf meinem Schoß saß und mit mir malte, gibt seine Seminare. Eines ist intellektuell sehr anspruchsvoll, das andere überrascht mit einer Klausur. Erst denke ich, okay, kein Thema. Dann lese ich den Text und die Aufgabenstellung und es ist vorbei. Zwar ist eine der Aufgaben, die 15 Bewertungeinheiten ausmachen, die Wörter des Ausgangstextes zu zählen, aber noch nicht mal das bekomme ich hin. Der Text soll um- und weitergeschrieben werden, unter der Prämisse, dass ein Henker den Kopf des jugendlichen Protagonisten entfernt. Ich kann das nicht. Klausurvereisungsangst.
Ein Junge, der mal mein bärtiger Außenlöffel war, verliebt sich in mich. Mit einem Freund redet er darüber, dass er etwas Festes möchte, nicht nur „rein-raus, hin-her“ (es war wohl anders gemeint, als es aufgeschrieben klingt.) Bei der Verabschiedungsumarmung erwartet er einen Kuss. Ich ahne seinen Wunsch nicht nur, er spricht ihn sogar aus. Er bekommt ihn nicht. Ich löse mich aus der Umarmung, lächle unverbindlich und gehe weg, damit ich ihn nicht ansehen muss. Es tut mir leid, aber ich kann das nicht.


Raunächte – Januar

Neue WG, viel Renovierungsbedarf, vielevieleviele Studienfreunde dort. Ich schenke einer alten Schulfreundin meinen alten Wäscheständer, obwohl ich ihn selber brauche. Sie braucht ihn mehr. Währenddessen putzen wir zu dritt (mit ihrer Mama) den Balkon. Von einem alten Lehrer erhalte ich ein buntes Päckchen. Zwar wache ich auf, bevor ich es öffnen kann, aber die Notiz darauf kann ich noch lesen. Er habe sich sehr über meinen Brief gefreut. Über einen Satz habe er herzlich gelacht, er verstehe zwar, dass man ihn auf zwei Arten lesen kann, aber meine Art ihn zu lesen stimme nicht/sei komisch (in the sense of funny). Ich glaube, der Satz lautete „Wer schreibt, bleibt.“
Beim Aufwachen wusste ich noch, auf welche andere Art ich ihn meinte. Jetzt nicht mehr.


So,

was ist geblieben?

Tassen, Flaschen, Nussschalen, Geschenkpapierverpackungen, Keksreste.
Der Muskelkater in der Schulter, vom Baumkauf und Baumheimtragen.
Erinnerung an Wärme und Lachen.

Was bleibt?
Der Zweifel.
Und die Gewissheit, dass Weihnachtsstimmung, Glück, Hoffnung nur mit anderen geht. Wenn die letzten gehen, nehmen sie sie mit.

Wenn sie doch bloß blieben.


Exempel grober pädagogischer Konzepte mit geringem Erziehungswert

Es war einmal im Dezember, da spielten einmal fein

Ein Bruder und ein Schwesterlein in ihrem Stübchen klein.

Und wie sie also spielten, da klopft es draußen an,

Und in das Stübchen poltert ein Ungetüm von Mann.

Der war auf seinem Leibe rauh wie ein wilder Bär,

Auch brummte erso grimmig, als ob er einer wär’.

„Nun, Kinder, laßt mich hören: Seid ihr auch fromm und gut?

So betet her ein Sprüchlein, sonst schlag’ ich mit der Rut’.“

Die Kinder aber beten, so fromm, wie sich’s gebührt.

Und hab’n mit ihrem Sprüchlein den rauhen Mann gerührt.

Dann plötzlich hagelt’s Nüsse und Äpfel um sie her,

Den Brummbär aber sahen die Kinderchen nicht mehr.

aus: Wunderschöne Weihnachtszeit, Jürgen Naumann (Hrsg.), Lingen Verlag Köln, 1979


’s ist ein Ziel, auf Innigste zu wünschen

Läge ich in einer Badewanne, ich würde bloggen und twittern und Tee trinken und schwitzen und so tun, als ob ich arbeitete und naschen und lüften und das Herzweh und die tausend Stöße ersticken, die unsers Fleisches Erbteil.

Läge ich in meinem Bett (das kein Bett ist, sondern zwei Matratzen aufeinandergelegt), ich würde mir den englischsprechenden Papageienvogel in die Kuhle zwischen Brust und Brust stecken, den Arm drüberlegen, die Hand unter’s Kissen schieben und schlafen, vielleicht auch träumen.

Ja, da liegts:

Ich liege nicht.


Hier

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bin ich richtig.

Es ist so leicht. Nie war leicht sein leichter. Oder?
Keine großen Gedanken darum, was und wie ich etwas sage. Nicht ein Gedanke dazu, ob ich etwas sage. Ich kann. So einfach.
Ich spreche. Spreche, obwohl andere es besser wissen könnten, spreche, obwohl andere dasselbe sagen könnten. Mir fällt etwas ein und ich sage es. Was ich sage: völlig okay. Als hätte ich das schon immer so getan, so und nicht anders. „Ich“ funktioniert.

Hier bin ich richtig. Bin eine unter vielen, die wie ich sind. Nicht der große Teichfisch plötzlich im Meer, sondern froher Fisch im Schwarm. Meine Regenbogenschuppen glitzern nicht mehr als die der anderen, bloß ein bisschen anders. Und immer sehr ähnlich.

Hätte ich vorher Universität essen dürfen, ich hätte Schule nicht mehr angerührt. Mir wäre vielleicht übel geworden. Wenn ich das gewusst hätte! (dann hätte ich mir nicht so viel Zeit gelassen.)
Letztes Jahr war ich manchmal so falsch. Wusste nicht, wo ich war und wie es geht. Was war? Konnte nicht folgen. Konnte nicht.
Hier bin ich richtig, im Großen und im Detail. In den Themen und im Umgang. Niemand fühlt sich durch Zuspätkommende in seiner Autorität verletzt und straft sie mit bösen Blicken. Sesamstraße zum Vorlesungsende. So selbstverständlich. Ich mache nur das, was ich machen möchte. Und kann!

Hier bin ich richtig. Lese Haselnüsse vom Boden auf, knacke sie mit meinen Zähnen und singe mich im Herbstlicht über’s Land.


Ba-Bam!

Mein Körper ist vielleicht stark, huiuiui. Nehmt euch in Acht, der nimmt’s mit jeder Widrigkeit auf. Den wirft so leicht nix um. Der bleibt stehen, auch wenn ich ihm das Fallen gestatte.

Tatort Blutabnehmestelle: Mal gucken, was ich kann. Ich habe weder gefrühstückt, noch mittaggegessen, und, ähm ja, schwindele ein bisschen, sage, meine letzte Mahlzeit sei um 10 Uhr gewesen. Hey, ich bin froh, ich bin da, ich will der Welt mein Blut schenken. Da will ich nicht aus Sicherheitsgründen wieder heim. Ich will die Nadel, den Spezialsitz, Cola trinken, großes Pflaster und das Frühstück danach.
Wieviel ich getrunken habe, will die Ärztin wissen. Ohoh. Ob ich getrunken habe, wäre als Frage präziser, ich trink vielleicht so ein Glas am Tag. Zählt das Wasser, das man beim Zähneputzen schluckt? Wieviel trinken Menschen bis mittags normalerweise? Ich sage mal „1 Liter“, das wird schon passen.
Dann will sie wissen, wieviel ich wiege und ich schätze. Das geschätzte Gewicht hatte ich mit zwölf, das weiß ich, das könnte ich jetzt ja wieder haben. Sie glaubt mir nicht, bittet mich auf die Waage, es ist weniger. So wenig jetzt aber auch nicht, hmpf, die Mindestgewichtsanforderung erfülle ich.
Schließlich fragt sie mich in ernstem Tonfall, ob ich mir das gut überlegt habe, weil ich so leicht und und klein sei und noch dazu einen sehr niedrigen Blutdruck hätte. Erhöhtes Risiko zu kollabieren. Der Abstand meiner letzten Mahlzeit sei auch fast zu groß. „Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie das machen wollen?“ Äh, ja. Bitte?

Alles kein Problem, ich passe auf: nicht der geringste Schwindel. Ich fühle mich wach und stark. „Ba-bam!“ eben. Obwohl ich währenddessen gelesen habe, wovon mir gegen Ende abgeraten wurde (die Anstrengung, ihr versteht.), obwohl mein Magen leer und das Wetter sehr warm war, alles kein Problem.
Der Arm ein bisschen taub und die Ansicht auf die Nadel, die halb in der Haut hing (hoffentlich fällt die da nicht raus und reißt dabei die Haut durch, so dass das Blut mit meinen Bewegungen durch den Raum spritzt und fließt) ein bisschen eklig, aber sonst, wirklich, alles prima.

Frühstück auch super, und der Heimweg ebenso; ich habe so gute Laune, dass ich jemanden auf ein erhöhtes Beförderungsentgelt einladen will. An der zu erwartenden Schwäche wachse ich, trete auf festen Boden. Und draußen strahlen meine Rosen so weiß und frisch.

Bei allen Schimpfgedanken, die man manchmal gegen sich hat: ich mag meinen Körper. Ich bin stolz darauf, wie stark er ist. Schließlich hält er mich aus und kann mich tragen. Auch wenn ich ihm das Fallen gestatte.


Sommerliche Freiheit

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Jetzt ist es fertig, jetzt fängt es an.

Da steht ein Sommer vor der Tür, der Zeit vespricht. Vollstes Konto zu meiner freiesten Verfügung. Das ist die Zeit sich auf große Papierbögen zu malen, was man machen möchte und den Stift in die Hosentasche zu stecken, weil bestimmt mehr dazu kommt. Zeit für Augen auf und Haare im Wind.

Möchte nicht nur ohne Ende ausschlafen, sondern zu Ende lesen, was mein Regal hergibt. Möchte Lettisch lernen und mich von Tag zu Tag schreiben. Möchte Beweise dafür, dass ein Schulzeitende nur etwas Zufälliges ist.

Sommergenusssommer. Hier bleiben und hier schöne Dinge machen. Endlich wieder Langeweile und daraus Selbstgemachtes. Diesen Sommer nicht umtriebig sein, damit ich mich auf einen Umzug freuen kann und auch Energie dafür habe. Ideen gibt es schon:

Eine Schaukel wünsche ich mir in meinem neuen Zimmer und meine Bücher (welche nehme ich mit? Vor allem: Wohin?) will ich nach Farben ordnen.

Achso, wohin? Es zieht mich so sehr in diese eine kleine Provinzstadt, sie muss mich nur wollen. Nach der Eignungsprüfung sehen wir weiter.

(Auf das freuen, was kommt. Tolle Sache. Echt, tolle Sache. So gehört sich das.)


Disclaimer

Jedem Menschen, den ich neu kennenlerne, muss ich eine Karte in die Hand drücken. Ausschlusskriterien oder Disclaimer oder wie man das auch nennen mag. Dinge, die am Produkt lülü kaputt sind und sich bis jetzt nicht reparieren ließen. Das wissen wir aus vielfachen Kundenbewertungen.  (Umtausch leider ausgeschlossen, deshalb diese Warnhinweise.)

1. Ich bin langweilig. Gehe nicht gerne aus, bleibe zuhause, mache langweilige Dinge. Das lustige Aussehen kann nicht über das langweilige Wesen hinwegtäuschen. Manche Menschen beklagen auch die Langweiligkeit meiner Freunde, aber da auch ich langweilig bin, passen wir gut zusammen. Ich mag meine langweiligen Freunde sehr gerne.

2. Ich bin unzuverlässig. Das hat sich zwar mit ein paar Updates ein bisschen verbessert; das beweist aber auch, in was für einem schlechten Zustand ich in Bezug darauf vorher gewesen sein muss. Unzuverlässigkeit bedeutet konkret, dass ich nicht mache, was mir aufgetragen, wenn überhaupt, dann mit großer Verspätung, dass ich generell zu spät bin, dass auf mich, so einfach ist das, kein Verlass ist.

3. Ich bin sensibel. Für Messgeräte wäre das vielleicht eine gute Eigenschaft, bei mir deutet es eher darauf hin, dass ich schnell kaputt gehe; Schale wie Getriebe. Zwar einigermaßen leicht zu reparieren, aber das lohnt sich bei der Anzahl der Zusammenbrüche nicht.

4. Man findet mich nicht. Ich bin die Sache, die man immer wieder verliert und erst nach langer Zeit wieder findet. Das nervt natürlich.

5. Ich höre abrupt und ohne erkennbaren Grund auf, zu funktionieren. Das gehört ein bisschen in die Kategorie Nr. 2 und hat zur Folge, dass mit mir geplante Projekte nicht stattfinden können.

6. Ach, das reicht erst mal.

Auf weitere Kundenklagen gehen wir  natürlich gerne ein und fügen sie zu unserer Liste, um potenziellen Kunden die nötige Transparenz über dieses fehlerhafte Produkt zu geben. Rückholaktionen oder auch die Einstampfung des Produktes hat leider noch nicht funktioniert; diese Option entwickeln wir jedoch gedanklich und hoffen, in näherer Zukunft damit eventuelle Schäden bei unseren Kunden vorzubeugen.


Zwischennotiz

Habemus abiturum. Der Schnitt so wie mein Alter ab morgen. Hui, morgen. Da werde ich im Ballkleid rumzulaufen. Wohin? Muss ich mir noch ausdenken. Und dann, in den nächsten Tagen, ein bisschen was ausbügeln.