Hier
bin ich richtig.
Es ist so leicht. Nie war leicht sein leichter. Oder?
Keine großen Gedanken darum, was und wie ich etwas sage. Nicht ein Gedanke dazu, ob ich etwas sage. Ich kann. So einfach.
Ich spreche. Spreche, obwohl andere es besser wissen könnten, spreche, obwohl andere dasselbe sagen könnten. Mir fällt etwas ein und ich sage es. Was ich sage: völlig okay. Als hätte ich das schon immer so getan, so und nicht anders. „Ich“ funktioniert.
Hier bin ich richtig. Bin eine unter vielen, die wie ich sind. Nicht der große Teichfisch plötzlich im Meer, sondern froher Fisch im Schwarm. Meine Regenbogenschuppen glitzern nicht mehr als die der anderen, bloß ein bisschen anders. Und immer sehr ähnlich.
Hätte ich vorher Universität essen dürfen, ich hätte Schule nicht mehr angerührt. Mir wäre vielleicht übel geworden. Wenn ich das gewusst hätte! (dann hätte ich mir nicht so viel Zeit gelassen.)
Letztes Jahr war ich manchmal so falsch. Wusste nicht, wo ich war und wie es geht. Was war? Konnte nicht folgen. Konnte nicht.
Hier bin ich richtig, im Großen und im Detail. In den Themen und im Umgang. Niemand fühlt sich durch Zuspätkommende in seiner Autorität verletzt und straft sie mit bösen Blicken. Sesamstraße zum Vorlesungsende. So selbstverständlich. Ich mache nur das, was ich machen möchte. Und kann!
Hier bin ich richtig. Lese Haselnüsse vom Boden auf, knacke sie mit meinen Zähnen und singe mich im Herbstlicht über’s Land.

Ba-Bam!
Mein Körper ist vielleicht stark, huiuiui. Nehmt euch in Acht, der nimmt’s mit jeder Widrigkeit auf. Den wirft so leicht nix um. Der bleibt stehen, auch wenn ich ihm das Fallen gestatte.
Tatort Blutabnehmestelle: Mal gucken, was ich kann. Ich habe weder gefrühstückt, noch mittaggegessen, und, ähm ja, schwindele ein bisschen, sage, meine letzte Mahlzeit sei um 10 Uhr gewesen. Hey, ich bin froh, ich bin da, ich will der Welt mein Blut schenken. Da will ich nicht aus Sicherheitsgründen wieder heim. Ich will die Nadel, den Spezialsitz, Cola trinken, großes Pflaster und das Frühstück danach.
Wieviel ich getrunken habe, will die Ärztin wissen. Ohoh. Ob ich getrunken habe, wäre als Frage präziser, ich trink vielleicht so ein Glas am Tag. Zählt das Wasser, das man beim Zähneputzen schluckt? Wieviel trinken Menschen bis mittags normalerweise? Ich sage mal „1 Liter“, das wird schon passen.
Dann will sie wissen, wieviel ich wiege und ich schätze. Das geschätzte Gewicht hatte ich mit zwölf, das weiß ich, das könnte ich jetzt ja wieder haben. Sie glaubt mir nicht, bittet mich auf die Waage, es ist weniger. So wenig jetzt aber auch nicht, hmpf, die Mindestgewichtsanforderung erfülle ich.
Schließlich fragt sie mich in ernstem Tonfall, ob ich mir das gut überlegt habe, weil ich so leicht und und klein sei und noch dazu einen sehr niedrigen Blutdruck hätte. Erhöhtes Risiko zu kollabieren. Der Abstand meiner letzten Mahlzeit sei auch fast zu groß. „Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie das machen wollen?“ Äh, ja. Bitte?
Alles kein Problem, ich passe auf: nicht der geringste Schwindel. Ich fühle mich wach und stark. „Ba-bam!“ eben. Obwohl ich währenddessen gelesen habe, wovon mir gegen Ende abgeraten wurde (die Anstrengung, ihr versteht.), obwohl mein Magen leer und das Wetter sehr warm war, alles kein Problem.
Der Arm ein bisschen taub und die Ansicht auf die Nadel, die halb in der Haut hing (hoffentlich fällt die da nicht raus und reißt dabei die Haut durch, so dass das Blut mit meinen Bewegungen durch den Raum spritzt und fließt) ein bisschen eklig, aber sonst, wirklich, alles prima.
Frühstück auch super, und der Heimweg ebenso; ich habe so gute Laune, dass ich jemanden auf ein erhöhtes Beförderungsentgelt einladen will. An der zu erwartenden Schwäche wachse ich, trete auf festen Boden. Und draußen strahlen meine Rosen so weiß und frisch.
Bei allen Schimpfgedanken, die man manchmal gegen sich hat: ich mag meinen Körper. Ich bin stolz darauf, wie stark er ist. Schließlich hält er mich aus und kann mich tragen. Auch wenn ich ihm das Fallen gestatte.
Sommerliche Freiheit

Jetzt ist es fertig, jetzt fängt es an.
Da steht ein Sommer vor der Tür, der Zeit vespricht. Vollstes Konto zu meiner freiesten Verfügung. Das ist die Zeit sich auf große Papierbögen zu malen, was man machen möchte und den Stift in die Hosentasche zu stecken, weil bestimmt mehr dazu kommt. Zeit für Augen auf und Haare im Wind.
Möchte nicht nur ohne Ende ausschlafen, sondern zu Ende lesen, was mein Regal hergibt. Möchte Lettisch lernen und mich von Tag zu Tag schreiben. Möchte Beweise dafür, dass ein Schulzeitende nur etwas Zufälliges ist.
Sommergenusssommer. Hier bleiben und hier schöne Dinge machen. Endlich wieder Langeweile und daraus Selbstgemachtes. Diesen Sommer nicht umtriebig sein, damit ich mich auf einen Umzug freuen kann und auch Energie dafür habe. Ideen gibt es schon:
Eine Schaukel wünsche ich mir in meinem neuen Zimmer und meine Bücher (welche nehme ich mit? Vor allem: Wohin?) will ich nach Farben ordnen.
Achso, wohin? Es zieht mich so sehr in diese eine kleine Provinzstadt, sie muss mich nur wollen. Nach der Eignungsprüfung sehen wir weiter.
(Auf das freuen, was kommt. Tolle Sache. Echt, tolle Sache. So gehört sich das.)
Disclaimer
Jedem Menschen, den ich neu kennenlerne, muss ich eine Karte in die Hand drücken. Ausschlusskriterien oder Disclaimer oder wie man das auch nennen mag. Dinge, die am Produkt lülü kaputt sind und sich bis jetzt nicht reparieren ließen. Das wissen wir aus vielfachen Kundenbewertungen. (Umtausch leider ausgeschlossen, deshalb diese Warnhinweise.)
1. Ich bin langweilig. Gehe nicht gerne aus, bleibe zuhause, mache langweilige Dinge. Das lustige Aussehen kann nicht über das langweilige Wesen hinwegtäuschen. Manche Menschen beklagen auch die Langweiligkeit meiner Freunde, aber da auch ich langweilig bin, passen wir gut zusammen. Ich mag meine langweiligen Freunde sehr gerne.
2. Ich bin unzuverlässig. Das hat sich zwar mit ein paar Updates ein bisschen verbessert; das beweist aber auch, in was für einem schlechten Zustand ich in Bezug darauf vorher gewesen sein muss. Unzuverlässigkeit bedeutet konkret, dass ich nicht mache, was mir aufgetragen, wenn überhaupt, dann mit großer Verspätung, dass ich generell zu spät bin, dass auf mich, so einfach ist das, kein Verlass ist.
3. Ich bin sensibel. Für Messgeräte wäre das vielleicht eine gute Eigenschaft, bei mir deutet es eher darauf hin, dass ich schnell kaputt gehe; Schale wie Getriebe. Zwar einigermaßen leicht zu reparieren, aber das lohnt sich bei der Anzahl der Zusammenbrüche nicht.
4. Man findet mich nicht. Ich bin die Sache, die man immer wieder verliert und erst nach langer Zeit wieder findet. Das nervt natürlich.
5. Ich höre abrupt und ohne erkennbaren Grund auf, zu funktionieren. Das gehört ein bisschen in die Kategorie Nr. 2 und hat zur Folge, dass mit mir geplante Projekte nicht stattfinden können.
6. Ach, das reicht erst mal.
Auf weitere Kundenklagen gehen wir natürlich gerne ein und fügen sie zu unserer Liste, um potenziellen Kunden die nötige Transparenz über dieses fehlerhafte Produkt zu geben. Rückholaktionen oder auch die Einstampfung des Produktes hat leider noch nicht funktioniert; diese Option entwickeln wir jedoch gedanklich und hoffen, in näherer Zukunft damit eventuelle Schäden bei unseren Kunden vorzubeugen.
Zwischennotiz

Habemus abiturum. Der Schnitt so wie mein Alter ab morgen. Hui, morgen. Da werde ich im Ballkleid rumzulaufen. Wohin? Muss ich mir noch ausdenken. Und dann, in den nächsten Tagen, ein bisschen was ausbügeln.
Liebe Andrea,
es ist mal wieder an der Zeit. Der Inhalt ein anderer als sonst. Ich hab ihn dir auf den Straßen dieser Stadt und in den Morgenden nach diesen Nächte zugemurmelt. Weiß nicht, ob das so weiter gehen kann mit uns.
In letzter Zeit schiebst du dich ständig in meine Träume und Gedanken. In einer nervigen Beiläufigkeit, mit der ich nichts anzufangen weiß. Das liegt auch an mir selbst; ich lade dich ein, ich hole dich zu mir, ich habe es endlich geschafft, dir in meinem Alltag Worte zu geben. Du bist, zum Glück, wieder das Stückchen Normalität, dass du mal warst. Aber – Je häufiger ich auf dich treffe, umso stärker fällt mir auf, dass du fehlst. Und wie du fehlst! Das nervt.
Also, das erste Mal seit diesem dummen, heißen Juli, dass ich das denke: Du hast einen großen Fehler gemacht. Du hast Scheiße gebaut. Du hast mich allein gelassen. Und ich sitz da, letzte Religionsstunde meines Lebens, und soll mir darüber Gedanken machen, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Logo, dass ich an dich denke. Und soll mir Gedanken machen, ob man Sachen bereuen kann, die man mal richtig fand. Logo kann man.
Als ich dich noch bei mir hatte, voll und ganz und auch noch nicht entfremdet (in deiner Pubertät zum Beispiel, weißt du noch?), fehlte es mir an einem richtigen Freundeskreis. Den habe ich jetzt und du fehlst. So als ob man nie zwei großartige Sachen zusammen haben könnte. Im Juni Abiball und du nicht da (um mich zu sehen, meine Freunde zu sehen, meine Lehrer zu sehen), sondern nur um meinen Hals. So eine Scheiße. (Hühnchen sagte, dass du bestimmt stolz auf mich seist. Ich will das aber nicht aus seinem Mund hören, sondern aus deinem.)
Weiß nicht, worauf ich gerade hinaus will. Will dich ja nicht weniger bei mir haben. Will aber auch nicht ständig von deiner Abwesenheit so durchgeschüttelt werden, als hätte es außer dir nichts gegeben und sei nun alles nur nichts. Weiß nicht, ob das jemals was wird. (Die Gedanken in die eine Richtung, dass es nichts werden kann, dass ich inkomplett bin, dass ich dich wiederhaben will, jetzt sofort. Die Gedanken in die andere Richtung, dass ich alles, was dein war, archivieren will, zugänglich machen will. Ein Du-Museum, in dem das Tolle, das du warst, sichtbar wird. Die Gedanken in die eine Richtung, mich weit von mir weg, bis ich nicht mehr zu sehen bin. Die Gedanken in die andere Richtung, mich ganz weit hinaus, wo durch mich viel passiert.)
Ich bin so müde. Und du kriegst all den Schlaf ab.
„I put my soul in what I do“

Das war’s. Schluss für heute. Langer, kurzer Tag. Schluss für heute. Letzte Klausur. Schluss.
Mit Krone auf dem Kopf und königlichem Dekret im Körbchen (ein Kissen, um alles zuzudecken: die Marmelade, die Postkarte, den Vanillinzucker, Stifte im Pokémon-Mäppchen, History-Hasen und Lindt-Kaninchen, sicherheitshalber auch das Döschen mit Freud, Über-ich und Unterbewusstseinsschaukelpferd in mini). Von einem Grafen geleitet. Seine Hand durfte ich auf dem Weg zerdrücken.
Ging gut. Ging alles ganz gut. Diese komischen Heinis haben in 6 Aufgabenvorschlägen nur zwei Themenvariationen untergebracht. Jeweils dreimal das Gleiche. Heinis. Also wirklich. Monsieur de Tocqueville kennengelernt. Ein ausgesprochen hübscher Geselle. (Gerade herausgefunden, dass ich im Text die richtige Stelle hervorgehoben, aber die falsche Beurteilung daraus gezogen habe. Vielleicht doch nicht ganz verstanden, was er meinte. Argh.)
Ja, ging gut. Habe das Kaninchen verdrückt-zerdrückt. Marmelade genascht. Flecken gemacht. Mit Vanillinpulver Fragen provoziert. Die kannten mich da noch nicht. Dafür kannte ich ihre Lehrertoilette noch nicht. Die haben Bilder an den Wänden. Seife. Ohne Ende Klopapier. Und, das Fetteste: heißes Wasser!
Ging wirklich gut. Schrieb mich so durch, konnte eine Menge unsinniger Detailinformationen loswerden. Hab ab und zu ein bisschen die Hand aufs Herz halten müssen, damit es nicht mehr als zweimal in der Sekunde schlägt. Saß gemütlich auf meinem weißen Kissen, dachte und schrieb. Ging wirklich. Verbindende Konjunktionen statt Anreihungen. Einleitungen und Schlusssätze.
Ging die Wortanzahl durch, stapelte, gab ab.
Ging aus der ersten Tür raus, und aus der zweiten Tür raus, mit dem Lehrermenschen fast schon die Treppe runter, in Gedanken, Blick auf dem Korb. Mein Name fällt, springt eigentlich. Meine Freunde! Mit Plakat (Geschi-Power!), mit Schampus, mit festen warmen Armen. Mercimercimerci.
Der Rest des Tages müder Taumel (vier Stunden Schlaf von vielgelernt und vielzufrühwach) und lockende Bettenkissenwolkendecken. Ob ich da mit Kopfsprung eintauche? Wie ein Seehund darin herumwühle? Och ja.
(Dem Grafen das pergamentene Dekret vorgetragen. Von ihm, zum Schluss, Handkuss und Verbeugung. Das Krönchengummi spannt am Kopf.)
Es kann nur besser werden.
Noch mal Matheabi. In Tintenwasser gebadet und atemlos in die heiße Luft gesungen (gehaucht). Sitze in meinem Ballkleid (das Schönste!) auf der Bettkante, meine Mutter klopft und schenkt mir ihren letzten Schokoriegel für morgen. Ich lass mich überraschen.
Cry me a river or help me make my puddle become the mighty sea again!

I thought there’d be plenty of it. Now I can touch the ground of the barrel. Just some drops left. What was once so much you thought you’d drown in it has become a puddle. Doesn’t even cover my toes anymore. The plenty has left.
(Use our remains wisely. Just 8 tiny spots left. Please use them wisely. Enormously the thirst.)
Und eh man sich versieht
Meine Schulzeit begann ich schlank. Fotos beweisen das. Ein sehr hübsches Mädchen mit langen roten Haaren. So sehe ich mich jetzt. (dick, nicht zweifelsfrei liebenswert, so sah ich mich damals.)
Ach, dazwischen, so einiges. Selbstbilder gehören nicht unbedingt zu den Sachen, die von selbst besser werden. Aber ohne Zweifel: dick, nur begrenzt liebenswert, so sahen mich damals die anderen. Ich mich erst recht.
Jetzt bin ich schlank und sehe das auch. Sehe das zu sehr, weil ich zu sehr darauf sehe. Worüber ich bei anderen schimpfe, ich mache es selbst. Zu sehr darauf sehen. Das ist aber auch alles.
Das Abitur hat das gemacht. Denken verbrennt Kalorien, beim Denken vergisst man, zu essen. Angst verbrennt Kalorien, wer isst schon bei Angst? Stress als Diät aus Versehen.
