Diktatkönigin



Der Kaiserin neues Kleid

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Die FAZ und ich – das ist so eine kleine Hassliebe.

Eigentlich mag ich sie nicht, denn sie macht mir Angst. Spießig, reaktionär, unter dem Deckmantel gut gewählter Worte altbacken. In ihr wohnt etwas Elitäres.
Sie ist keine Zeitung für mich, spricht nicht meine Lebenswelt an und erst recht nicht die meiner Eltern. „Kinder aus bildungsferner Schicht“, so beschrieb sie, einst, gemeinsam mit anderen Zeitungen, die Schülerschaft meiner alten Schule.

Jetzt bin ich auf einem humanistischen Gymnasium und sehe nicht selten Oberstufenschüler mit dieser Zeitung in der Hand. 17-jährige, die freiwillig FAZ lesen. Deren Eltern ein Abo haben.

Warum ich die FAZ nicht mag?
Na, weil ich eifersüchtig bin. Ich hätte auch gerne Geld für ein Zeitungsabo, oder Eltern, die Zeitung oder kluge Bücher statt populärwissenschaftlicher Bücher über die Auswirkungen der Steinzeit auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau lesen. Ich würde auch gerne zum Bildungsbürgertum gehören .

Seit meinem Einzug liegt nun aber täglich die FAZ bei uns im Hausflur, jemand hat ein Abo und nimmt sie nicht immer mit.
Ich klau sie manchmal, wenn sie nach 22 Uhr noch daliegt.

Das Schöne ist, dass manchmal ganz schöne Sachen drinstehen, nett zu lesen, mehr Wort statt Bild und so. Wir machen in Geschichte jetzt bei einem Schülerwettbewerb mit, weil ich zufällig in der FAZ über einen Artikel darüber gestolpert bin.

In der 8. Klasse sollten wir uns zum Thema Zeitungsanalyse eine BILD kaufen. Ich kaufte stattdessen eine FAZ, weil ich mir schwor in meinem Leben kein Geld für die BILD auszugeben. Und fand in einer Überschrift sogar eine Referenz auf einen Titel der Ärzte („Ja, der Staat wollte nie ein Anachronismus sein.“). Das war schon cool.

Jetzt hat die FAZ ein neues Kleid und ich bin ziemlich verwirrt.
Mir ist aufgefallen, wie konservativ ich selbst sein kann, weil ich so erschreckt war, als ich das neue Layout auf dem Boden neben den Briefkästen sah. Ein Bild auf der Titelseite! Das kann doch garnicht die FAZ sein! Was hebt sie denn jetzt noch unter allen Zeitungen der Welt heraus? Und morgen dann Tabloidformat, oder was?

Andererseits – ich hab sie mir heute Nacht wieder geklaut, etwas mehr darin gelesen und kann nur bestätigen, dass sie sich besser lesen lässt. Der Schwarzbrotteig, der trockene, wurde fluffiger und leichter.

Ich bin jetzt bereit, mich mit ihr sehen zu lassen, sie hat sich mir angenähert und ich freue mich schon darauf, dass der Abonennt hier im Haus sie am Mittwoch nicht aufsammelt. Dann gibt’s nämlich eine Beilage zur Buchmesse.

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