Diktatkönigin



Und dann passiert etwas…

Ich bin ein sonderbarer Partygast. Wer mich einlädt, wird beobachten können, dass ich nicht feiere, selten tanze, auch eher nicht trinke. Stattdessen suche ich mir ein ruhiges Plätzchen, Notizbuch und Stift in der Hand, und schreibe. Ich bin eher ein stiller Typ. Das macht auch nichts. Die anderen zu beobachten macht mir eine Freude. Meistens schreibe ich auf Schwedisch, weil ich nicht möchte, dass Menschen neben mir lesen können, was ich notiere. Es könnte über sie sein. Während ich aufschreibe, dass viele mich fragen, was und worüber ich schreibe (kann ich nicht sagen), fragt mich ein Mädchen, was ich da schreibe. Schwedisch ist meine Geheimsprache. Ich bin eher ein schüchterner Typ. Das macht aber auch nichts. Mit dem was ich schreibe, kann ich mich verunsichern, die Sache selbst stärkt mich aber.

Ein schönes Fest. Ein Freund, ein guter, einer der zuhören kann, Sonnenschein und Vogelschwarm zugleich ist, spielt Musik. Ich schreibe nicht nur, ich singe mit und jubele. In mir eine Wanne von warmen Glück, Alter! Und der Gedanke an Zurückhaltung. Nicht reinrufen, nicht aufdrängen, nicht verlangen. Mich im Rahmen halten. So etwa.

Ich schreibe weiter, immer wieder unterbrochen von netten Menschen, die interessiert daran sind, was ich schreibe. (Ein Roman? Eine Geschichte? Tagebuch?) Dann begeben wir uns zudritt heim, eine liebe Freundin, ihr Freund und ich.

Wir sind müde. Erst im Bus, Gespräche über frustrierende Kleinigkeiten im jugendpolitischen Partizipationsprojekt unserer Wahl. Mache die Augen zu und denke nach. Über den Abend, darüber, wie sehr ich manche Menschen mag. Wie traurig das macht. Darüber, wie lycklig lottad ich bin. Mir hat vorhin jemand einfach so einen mittelgroßen, teuren Lindthasen zugeworfen, golden mit Schleife. Dann in der U-Bahn in Richtung Innenstadt. Gelächter und Schwermut. Ich mache die Augen zu.

Und dann passiert etwas…

Sie sind zu zweit. Hinten im Wagen. Sie Grölen. Fußballlieder (Forza SGE?). Meine Freundin drückt ihren Unmut aus. Dass da alles versammelt ist, was an männlichem Gehabe unangenehm ist. Ihr macht es Angst. Ich find’s auch nicht prima, es macht mir aber nicht soviel aus. Kann es ignorieren. Wir wechseln aber den Waggon, sicher ist sicher. Mein Blick schweift kurz nach hinten. Sie sind jung.

Wir hören sie noch von drüben brüllen, sind aber aus der „Gefahrenzone“. Singen den Refrain eines Liedes vom heutigen Abend, als der Freund meiner lieben Freundin auf meinen Sitz hinweist. – Du armer U-Bahnledersitz. Dein Leben is‘ ’n Witz. Früher Tier, jetzt arme Sau. Dafür sitzt auf dir ab und zu ’ne schöne Frau. – Nacheinander, dann den letzten Satz zusammen. Lächeln.

Und dann passiert etwas…

Sie kommen wieder. Kurz bevor die U-Bahn losfährt. Wir können nicht mehr raus. Sie kommen rein und sagen, dass sie uns hinterhergekommen sind. Super. Das hat uns ja geradenoch gefehlt. Beide schwarz gekleidet, einer hat die Kapuze so aufgesetzt, dass man nur seine Augen sehen kann. Sie setzen sich etwas abseits und grölen wieder. Meine Freundin hat Angst, packt ihr Handy aus und spielt um sich abzulenken. Ich mache die Augen zu.

Das Gegröle wird zum Gebrüll. Ich lehne den Kopf an die Glasscheibe. Es wird schwummrig. Sie sind so laut. Der Freund meiner Freundin versucht sie zu beruhigen, ich will, dass alles aufhört. Könnte man sie ansprechen? Bitten? Abwarten? Aus dem Gebrüll wird Geschrei.

Dann passiert etwas…

Und zwar ganz schnell, während sich alles dreht. Ohrenbetäubend schreien sie „Deeeuutschland, Deutschschland“. ICH WILL, DASS ES AUFHÖRT! Ertrag es nicht mehr. Weg, einfach weg. Bin wütend. Hole Luft –

und kreische.

Bis die Luft weg ist. Mache die Augen auf und sehe die entsetzten Gesichter meiner Freunde. Mir ist schwindlig, ich fange an zu schluchzen, wieder an die Fensterscheibe gelehnt. Sie grölen, lachen mich aus, imitieren mich. Ich bin so wütend. Will meinen Kopf gegen die Fensterscheibe schlagen. Das tue ich aber nicht. Augen zu. Nichts sehen. Verstehen sie denn nichts? Freundin und Freund ziehen mich raus, nächste Station, zurück in den vorherigen Waggon. Sehe kurz hin, mache die Augen wieder zu. Heule weiter. Die anderen Passagiere, besonders ein breiterer Mann nahöstlicher Herkunft fragt was passiert ist. Dann höre ich etwas neues, der Freund erzählt:

Während die beiden ihr Deutschlandgebrüll angebrochen hatten, wandten sie sich zwei schwarzen Menschen im gleichen Waggon zu. Das hatte ich nicht gesehen. Ich saß mit dem Rücken zu ihnen. Habe auch die randalierenden Jugendlichen nur gehört. Ich bin so wütend.

Der Mann fragt weiter, warum ich so weine, ich hätte Angst, antwortet der Freund. Die Freundin versucht mich zu trösten, lobt mich, zittert selbst. Was war das?

Keine Angst. Eher…hm, Verzweiflung. Exitknopf.

Wir hören, dass die beiden aussteigen, aber sie kommen uns nicht hinterher, laufen nur am Wagen vorbei. Der Mann ruft ihnen zu, etwas wie „Was guckt ihr hier rein? Passt bloß auf“, oder so. Dann setze mich mich endlich, mache die Augen auf und höre nach und nach auf zu weinen.

Man könnte die Geschichte hier beenden. So ist das heute Abend passiert. Aber da fehlt noch etwas: Was bedeutet das?

1. Es ist etwas passiert und ich habe etwas getan. Erfolg? Ich weiß nicht. Mein Hals tut jedenfalls noch weh.

2. Ich bin in einer Stadt, die für ihre Kriminalitätsrate bekannt ist, respektlosen, aufdringlichen und aggressiven Menschen begegnet, die auf Provokation aus waren. Trotzdem bin ich von der U-Bahnstation durch die dunkle Stadt alleine nach Hause gelaufen. Weil ich großes Vertrauen habe. An der Ampel, die immer grün wird, wenn sie mich sieht, kam mir ein Mann entgegen, sah mich an. Und wünschte mir einen schönen Abend.

Ich kann aus dem Erlebnis von heute Abend keine Schlüsse ziehen. Wundere mich nur. Ich bin schließlich eher ein stiller Typ. Und plötzlich war da meine Stimme.

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