Diktatkönigin



Koru Kari

Das Eroeffnungskonzert am Sonntag war schon schoen. Schon gross. Schon nass. Vor allem gross und mittendrin als kleiner Punkt ich. Das beste daran war aber vielleicht (neben der gigantischen Komposition „Diedot zido, dziedot augu“), als nach dem Konzert die Menschenmengen in die Strassenbahnen stroemten und mit dem Schliessen der Tueren der Bauch der Strassenbahn zu singen begann. Einer stimmt an und alle singen mit. Die Tueren gehen auf und die Menschen auf der Strasse singen mit. So geht das den ganzen Weg.

Das eigentliche Highlight fand aber gestern statt. Koru Kari. Chor Kriege. Ein Chorwettbewerb, in dem 14 Stunden lang die besten Choere Letttlands mit drei Liedern gegeneinander antraten. Musik hoeren ist die eine Sache.  Musik gucken nochmal eine andere. Besonders wenn man so sitzt, dass man nicht nur die Saenger sehen, sondern auch den Dirigenten und der Jury  ins Gesicht blicken kann. Deluxe!
Verliebt habe ich mich dabei in der Schweizer der internationalen Jury, der immer wieder begeistert grinste und bei der Preisverleihung eine Ansprache hielt, die von Freude und Akzent nur so strotzte. Sweet. (Ich glaube er und ich hatten aehnlich haeufig Gaensehaeute.)

Wovon ich eigentlich die ganze Zeit erzaehlen wollte, ist etwas anderes.
Nach dem Wettbewerb wurde auf die Ergebnisse gewartet und dieses Zeit mit Vergnuegen gefuellt. Ilga Reizniece (Geige), Dace Pruse (Akkordeon) und Atis, den ich in Turaida getroffen hatte (Trommel) spielten fuer das Publikum und die Saenger zum Tanz. Einfache Taenze, bei denen jeder mitmachen kann und die grossen Spass machen. Danach immer noch keine Ergebnisse.

Dann beginnt eine kleine Gruppe zu singen. Alle singen mit. Das Publikum, sowohl unten im Saal, als auch auf der Empore und im Treppenhaus ebenfalls. Kein Dirigent, kein diskutierter Vorschlag, einfach singen. Immer wieder, zwischen den Liedern, wird der Ruf nach “Saule, Perkons, Daugava“ (Sonne, Sturm, Daugava) laut. Ein Klassiker. Dazwischen mehrere Gaensehauete. Auch im Gesicht. Brrrr.

Was ich sehr eindringlich teilen muss, ist was ich in der zweiten Reihe im Publikum sah, kurz vor der Mitteilung der Ergebnisse. Der Kanadier in der Jury, der, als er sich vorstellte wahrscheinlich etwas sagte, wie dass er im Herzen Lette sei und wahrscheinlich vor einiger Zeit nach Kanada ins Exil gegangen war (er erklaerte das auf Lettisch, ich kann nur mutmassen), dirigierte. War es Gaismas Pils? War es Put Vejini? Alle standen auf und sangen. Er dirigierte mit geschlossenen Augen und schwebenden Armen, als wuerde er in Stimmen schwimmen. Ein beruehrender Anblick, denn es ging ihm sichtlich nah.
Doch nicht nur ihm. In der zweiten Reihe hielt sich eine blonde junge Frau beide Haende vors Gesicht und schluchzte herzergreifend. Das Maedchen rechts von ihr sah sich hilflos um. Versuchte irgendwann ihr eine Hand vom Gesicht zu nehmen. Als sie loslies, ging die Hand wieder vors Gesicht. Das Weinen hoerte nicht auf. Um sie herum Gesang. Die junge Frau hoerte auch nicht auf zu schluchzen, als das Lied vorbei war. Ich sah noch, wie der Mann in Tracht links von ihr so halb den Arm auf ihre Schulter legte und sie vorsichtig in den Sitz drueckte.
Die ganze Zeit und auch am heutigen Tag frage ich mich, was ihr durch den Kopf ging. Was war passiert?

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