Diktatkönigin



Ich gehe ihm hinterher.

Schwanger war ich. Das war klar. Dabei hatte ich so oft vorher wie selbstverständlich erklärt nicht schwanger zu sein. Woher denn auch bitte. Aber nein, ich war schwanger. Und hatte so einen Druck im Bauch, das musste bestimmt raus das Ding. Also ging ich in das nächste Krankenhaus, ein schöner, warmer Ort, vieles aus Holz und für jeden Menschen eine freundliche Hebamme bereit. In den durch Regale geteilten Ecken waren Matrazen ausgelegt, nicht ungemütlich, mit langen Kissen, in die man sich während der Geburt festkrallen konnte. Helle Farben. Ich sah mich um, mit dem Druck im Bauch, eine schwarzgelockte junge Frau sah fragend zurück, ob sie mir helfen könne. Ich sah nur fragend und wartend zurück. Dann kam eine andere junge Frau, schulterlange hellbraune Haare und runde Brille mit nettem Lächeln, ihr nannte ich mein Anliegen. Sie nahm sich direkt meiner an, keine Wartezeiten, und untersuchte mich sofort. Es war klar, dass ich schwanger war und entbinden müsse. Es war klar, dass ich eigentlich nicht schwanger sein konnte, daran erinnerte ich mich. Noch dazu: ich wollte ja eigentlich nicht im Krankenhaus entbinden, sondern zuhause. Eine fürsorgliche Pause, diese Zweifel verwischten und ich war nicht mehr ich. Es wurde etwas aus mir herausgeholt, denn da war ja noch dieser Druck: Ein langer blutiger Schlauch, neben mir auf einem Tisch. Ein Teil meiner Gebärmutter? Ein Teil der Gebärmutterwand? Und darin Reste von Fingerchen? Ich war nur nicht mehr ich. Ich war Madonna, die nach der schmerzfreien Prozedur von ihrem Gatten nachhause begleitet wurde. Das Ganze musste schließlich anstrengend gewesen sein. Und als ich sie zur Tür gebrachte hatte, sie sie hinter sich schloss, musste ich heim. Nur welchen Weg? Irgendwie kam ich doch ins Haus, wollte durchgehen, auf der anderen Hausseite gab es eine Tür, die eine Abkürzung versprach. Ich wunderte mich ein bisschen, dass Madonna in einer mittelgroßen deutschen Stadt in einer Sozialwohnung wohnte, aber ich erklärte es mir damit, dass es eine sehr schick eingerichtete Wohnung sein musste. Die Abkürzung war von der falschen Seite abgesperrt, erst, dort standen Rettungswagen. Wahrscheinlich hatte man in der Gasse eine neue Rettungswache platziert. Weil Nacht war, herrschte dort Ruhe. Die Tür war nicht abgesperrt, ich kam hindurch. Und war in Italien, bei dem Vater einer Freundin, die ich nicht kannte. Er hatte ein großes Anwesen, das noch umgebaut werden musste. Freunde, die ich kannte und ich wollten uns treffen, ich musste aber noch etwas holen, glaube ich, und fuhr deshalb mit dem Auto ein Stück. Das Fahren ging gut, nur wusste ich nicht wo die Bremse war, verwechselte Kupplung, Gas und Bremse ständig und konnte auch durch häufiges Probieren nicht herausfinden, was wo war. Ich hatte ja auch keinen Führerschein. Ich versuchte rechts zu parken, hätte das sehr schön geschafft, wenn ich nur das Auto hätte anhalten können. Aber so sehr ich auch an der Handbremse zog und riss, das Auto fuhr weiter, rumste die Autos vor ihm weiter und weiter. Bis ich mich überschlug. Und überschlug. Zum Glück blieb das Auto jetzt stehen, zum großen Glück auch auf seinen Rädern, nicht auf dem Kopf. Schaden trug ich keinen davon. Das Auto eigentlich auch nicht. Nur musste ich jetzt den ganzen Weg zurück laufen, ich hatte ja eine Verabredung. Und erklären, wo das Auto war. Und eigentlich wollte ich ja nach Hause.
Auf der Suche, im Dunkeln, auf der Suche nach meinem Zuhause und der richtigen Haustür landete ich auf der Brücke, die zum Ostbahnhof gehörte. Sie war bröckelig und es gab auf ihr keinen Weg nach unten. Keine Treppe, keinen Weg. Mit mir gab es andere Menschen auf ihr, auch sie hätte gerne nach unten gewollt. Zwei Anzugträger zum Beispiel. Und einige Gestalten, die in ihrem Verhalten unangenehm waren. Die Nordseite, die zum Literaturhaus zeigte, hatte kein Geländer, dort kam man nicht herunter. Aber mir fiel ein, dass es da eine Art Feuerleiter gab, etwas am Ende der Brücke, linker Hand. Ich kletterte hin, die Brücke wurde ja immer brüchiger und bewegte sich. Vergebens, sagte ein Mann. Eine vergitterte Tür mit Schild versperrte den Weg. Nur geöffnet von 9 bis 16 Uhr. Als ob niemand auch nachts eine Brücke verlassen wollte, ärgerte ich mich. Und hielt mich an ihrem Pappmachéboden fest. Ich driftete zu ihrem Ende hin. Sie fusste, das sah ich nun, auf den Säulen des Literaturhauses. Am Boden Marmorfigurenreste und Marmorstücke, wie Teigreste von Bildhauern. Es ging tief nach unten. Und ich fiel von der Brücke.
Mit dem Rücken landete ich auf einem großen Marmorgipskreis. Aber er war nicht hart. Ich hatte mich nicht verletzt. Machte ich den Mund auf, konnte ich Schaum von dem schmecken, auf dem ich gerade gelandet war. Weiße Schokolade. Weiche weiße Schokolade. Wie Schnee, nur warm. Meine Mutter stand daneben.
Wir besuchten liebe Nachbarn, zu denen ich mich ein halbes Jahr nicht getraut hatte. Ihr Kind, ein ein Jahr alter Junge, war fröhlich und die Wohnung weihnachtlich geschmückt. Meine Mutter gab den beiden den Reader meiner Lesung. Wir wollten gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt gegen. Die Nacht war vorbei, es war vormittags und wir bekräftigten uns gegenseitig, wieviel besser es war, vormitags auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, weil viel weniger Menschen dort sein würden als abends, wenn die Lichter brannten. Der kleine Junge sagte, dass ich ihn ja im Kinderwagen fahren könne. Wir fanden, das sei eine gute Idee. Auch die richtigen Adventskerzenlichter brannten. Es war Sonntag, der zweite Advent.

Schritt für Schritt gehe ich ihm hinterher, meinem Traum.

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