Diktatkönigin



Liebe Andrea,

siehst du, es weihnachtet sehr. Der Baum ist so schön geworden, er würde dir sehr gut gefallen. Rot und silbern ist er diesmal geschmückt, eine klassische Zweierkombi und alles passt zusammen. Klassisch und schillerschick. Eine richtige Christbaumspitze haben wir nicht mehr. Hatten wir aber mal. Stattdessen ein Fensterstern.
(„Mer han immer en Christbaumspitz hat!“
„Im Leben hatte mir noch kein Christbaumspitz nit!“)
Um ehrlich zu sein, es ist schon so lange her, dass wir hier gefeiert haben, dass ich mich nicht an das letzte Mal erinnern kann. Nur an die vielen Kinderweihnachten. Wo man stundenlang warten musste, dass das Christkind sein Glöckchen klingeln lässt, laaaangweilig, weil es so lange dauerte. Und wenn es klingelte, wie platt man von dem Anblick war. Wie der Baum strahlte! Wie das Strahlen sich in den Kugeln spiegelte! Oh, so schön.
Dieses Jahr ist anders als die anderen und anders als die anderen, die anders waren. Dieses Jahr habe ich kein Weihnachtsasyl gesucht. Dieses Jahr hab ich Weihnachtsgefühl- und Erinnerungen zuhause gesucht. Und Weihnachten vom anderen Flussrand gesehen. (Wo das Gras viel grüner ist?)
Nicht als Kind, als Empfänger; man muss nur warten und Weihnachten passiert. Stattdessen als halbe Erwachsene. Selber machen, sonst passiert nichts.
Backen, Baumkaufen, Freunde einladen, Singen nicht vergessen, Schmücken, Geschenke basteln und verpacken. Aufräumen und putzen. Sich selbst auch. Das ist viel Arbeit.
Und dann, heikel, heikel, die Bescherung. Ich hätte das gerne aus der Hand gegeben. Lieber das Strahlen erst nach dem Klingeln gesehen. Und auch die Geschenkepracht erst unter dem Strahlen. Dieses Jahr habe ich es klingeln lassen. Zum ersten Mal. Der andere Flussrand und so. Das war so: Aufgeregt. Bin ich aus dem Zimmer raus, habe ich abgeschlossen, damit auch jaaa keiner vorher reingeht. Von innen auch zugeschlossen. Letzte Blicke, alles fein, Schalter rein. Ui. Und dann hörten die das Glöckchen erst garnicht, sodass ich Glöckchenverstärkung brauchte.
Es ist schon komisch. War ganz schön schnell vorbei. Zehn Minuten. Ein kleiner Papiermüllhügel. Es ist komisch, weil ich eigentlich im Fluss stand. Nicht mehr am Kinderufer, aber für das Erwachsenenufer fehlt noch ’ne eigene Familie. Kinder.
Es ist komisch, weil du nicht da bist. Dass du nicht da bist, macht jedes Weihnachten komisch. Unvollständig. Weil deine Stimme fehlt, und deine Freude (Plätzchenfabrik galore! Spitzbuben!) und dass du dran hingst, am Fest und seinem Zucker. Ich kann dich herdenken, aber das ist nur ein Spiel. Ohne dich ist Weihnachten nur eine Westernhausfassade. Ganz schick, aber nur eine Holzwand. Nur eine Fassade und nix von Schönheit dahinter oder drin.

Trotzdem, die viel beklagte Weihnachtsstimmung, heute ist sie da. Wenn ich auf den Baum gucke, ist sie da wie Wochen nicht. Wenn ich mein Zimmer verlasse und wieder betrete, duftet es nach Mandarinen, Nelken, Tanne, Plätzchen und Kerzen. Süß und fein. Bist vielleicht ja doch da. Hast mir ja schließlich diesen Weihnachtsfloh ins Ohr gesetzt. Wenn du nur sehen könntest. Kannst du es sehen, Andrea? Der Baum ist so schön, er würde dir sicher sehr gut gefalllen. Oh ja.

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