Diktatkönigin



Lieber Vivaldi,

wir kennen uns schon lange. Es müssen ungefähr 15 oder 16 Jahre sein. Wenn man bedenkt, wieviele Beziehungen aus dieser Zeit sich bis jetzt gehalten haben, gut gehalten haben, dann ist das bemerkenswert.

Wir haben vielleicht nicht so viel gemeinsam; das rote Haar vielleicht, aber von dem hast du ebenso mehr wie von der anderen halben Gemeinsamkeit: der Geige. 
Trotzdem sind wir miteinander verknüpft. Du hast mich wachgemacht für funkelnde und trillernde und helle Musik. Das Wort „Barock“ hat nicht von ungefähr eine Ähnlichkeit mit dem Wort „Rock“, wie die blonde Referendarin vorgestern sagte. Vivaldi, you’ve rocked my Grundschul-world.

Dich habe ich mit Trotz lautundlautundlaut gehört, um zu zeigen, dass ich wirklich Geige lernen wollte. Ich wollte das, seit ich dich kenne. Natürlich, die „Vier Jahreszeiten“, und seit meinem 5. Lebensjahr dieser Herzenswunsch. Du bist schuld. Du warst aber auch mehr:

Du warst meine Tanzpartnerin. Eiskunstlauf und Ballett, glatte Socken auf Laminat, Rampenlicht aus Schreibtischlampe. Du warst jünger als ich, solltest einmal in meine Fußstapfen treten, die Stapfen einer erfolg-  und ruhmreichen Tänzerin. Eigentlich warst du ein bisschen ich, zumindest in meinem eigentlichen Alter. Auf dem CD-Cover der „Vier Jahreszeiten“ eine weißblondgelockte junge Frau im Grünen, mit Hut und Handschuhen. Vivaldi, das warst du. Vivaldi, ich dachte, dein Name sei ein Mädchenname.

Als ich 15 war, hat mein Trotz mir meinen Wunsch erfüllt. Jetzt spiele ich schon ein Weilchen, konnte auch schon die ersten 39 Takte des Februars spielen. Und auch den ersten Satz des Konzertes in a-moll, sogar ein ganzes Stück auswendig (und den zweiten, abends an einem Steg in Schweden, Sommerluft).
Da ist etwas in deiner Musik, das mir beim Hören und Spielen in die Fingerspitzen geht. Wie du die harmonischen Veränderungen in den Durchführungen gemacht hast zum Beispiel. Und eben das Funkelnde, Trillernde, Helle. Geigenklang. Sauberer Geigenklang.

Lieber Vivaldi, ahnst du, wohin du mich bühnensüchtiges Kind geführt hast, alle Widerstände zum Trotz? Ahnst du, worauf ich hinaus will?
Concerto grosso, zwei Sologeigen, Donnerstag und Freitag nächste Woche, große Bühne. Der Widerstand nicht so groß wie der Wille.
Zwei Sologeigen und ich eine davon. Konzert in d-moll. Nicht so hoch wie ich mich immer träumte, aber weiter, als ich dachte, dass ich kommen könnte. Widerstand.
Ich will meine Widerständler einladen, die höflichen und die gemeinen, will, dass meine Bühne die richtigen Empfänger hat. Will hell sein und trillern und funkeln. Bin nervös.

Lieber Vivaldi, wir kennen uns schon sehr lange. Ich habe mittlerweile akzeptiert, dass du keine Frau bist. Ich kenne Musik, die mein Herz in größere Schwingungen versetzt als Barock. Ich übe ja eigentlich kaum.
Trotzdem bleibst du mein Kernkomponist, bleibst immer der Grund für meinen Wunsch. Und wirst in wenigen Tagen seiner Erfüllung ein Krönchen aufsetzen. Grazie mille, prete rosso. Grazie mille, Antonio.

p.s. Ey, wehe du kommst nicht zum Konzert!

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  1. Blick zurück ins alte Jahr « Diktatkönigin pingbacked - 7 years, 7 months ago

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