Diktatkönigin



Liebe Andrea,

es ist mal wieder an der Zeit. Der Inhalt ein anderer als sonst. Ich hab ihn dir auf den Straßen dieser Stadt und in den Morgenden nach diesen Nächte zugemurmelt. Weiß nicht, ob das so weiter gehen kann mit uns.

In letzter Zeit schiebst du dich ständig in meine Träume und Gedanken. In einer nervigen Beiläufigkeit, mit der ich nichts anzufangen weiß. Das liegt auch an mir selbst; ich lade dich ein, ich hole dich zu mir, ich habe es endlich geschafft, dir in meinem Alltag Worte zu geben. Du bist, zum Glück, wieder das Stückchen Normalität, dass du mal warst. Aber – Je häufiger ich auf dich treffe, umso stärker fällt mir auf, dass du fehlst. Und wie du fehlst! Das nervt.

Also, das erste Mal seit diesem dummen, heißen Juli, dass ich das denke: Du hast einen großen Fehler gemacht. Du hast Scheiße gebaut. Du hast mich allein gelassen. Und ich sitz da, letzte Religionsstunde meines Lebens, und soll mir darüber Gedanken machen, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Logo, dass ich an dich denke. Und soll mir Gedanken machen, ob man Sachen bereuen kann, die man mal richtig fand. Logo kann man.

Als ich dich noch bei mir hatte, voll und ganz und auch noch nicht entfremdet (in deiner Pubertät zum Beispiel, weißt du noch?), fehlte es mir an einem richtigen Freundeskreis. Den habe ich jetzt und du fehlst. So als ob man nie zwei großartige Sachen zusammen haben könnte. Im Juni Abiball und du nicht da (um mich zu sehen, meine Freunde zu sehen, meine Lehrer zu sehen), sondern nur um meinen Hals. So eine Scheiße. (Hühnchen sagte, dass du bestimmt stolz auf mich seist. Ich will das aber nicht aus seinem Mund hören, sondern aus deinem.)

Weiß nicht, worauf ich gerade hinaus will. Will dich ja nicht weniger bei mir haben. Will aber auch nicht ständig von deiner Abwesenheit so durchgeschüttelt werden, als hätte es außer dir nichts gegeben und sei nun alles nur nichts. Weiß nicht, ob das jemals was wird. (Die Gedanken in die eine Richtung, dass es nichts werden kann, dass ich inkomplett bin, dass ich dich wiederhaben will, jetzt sofort. Die Gedanken in die andere Richtung, dass ich alles, was dein war, archivieren will, zugänglich machen will. Ein Du-Museum, in dem das Tolle, das du warst, sichtbar wird. Die Gedanken in die eine Richtung, mich weit von mir weg, bis ich nicht mehr zu sehen bin. Die Gedanken in die andere Richtung, mich ganz weit hinaus, wo durch mich viel passiert.)

Ich bin so müde. Und du kriegst all den Schlaf ab.

Advertisements

Trackbacks & Pingbacks

Kommentare

  1. * Berblue says:

    Persönlicher Brief in Barcode-Verschlüsselung

    Liebe Raubkatze!
    Ich bin berührt. Dein Blog hat mich berührt, du hast mich berührt, sprudelnd, nachdenklich, auch sehr verletztlich – heute, mehr als beim beim ersten Mal, doch dein Blog kann ich nicht berühren, immateriel, ungreifbar. Doch möchte ich. Wer berührt hier wen?
    Ich hoffe, dir nicht zu nahe gekommen zu sein –
    Wer Zebras, Streifentiere, nicht kennt, mag sie manchmal nicht gleich sehen, und dann darüberfallen. Ungeahnt tollpatschig. Denkend, es wäre nur ein zufälliger Zebrastreifen. Pardon.
    Ich hoffe jedenfalls, wünsche -(tolle junge Frau! immer Notizbuch für viele Gedanken; und so viel mehr.)-, dass Sie zur starken, freien Tiegerin erwachsen. Die in dir ist. Die du bist. Ehrlich. Hat man sie nicht heute singen hören?
    Du fühlst dich manchmal einsam, allein, gelassen – kleines Kätzchen, verloren maunzend. Eingekringelt. Alles Fremd. Doch Leere. Ungeheuere Traurigkeit. Ein kalter Fleck, von dem man nicht weiß, wo er sitzt. Der manchmal geht, und der manchmal die Waffen zückt. Dann wird gekämpft. Wer verliert?
    Auf dem Sprung in die Selbstständigkeit. Da bist du. Viel geschafft. Viel vor dir. Vielversprechend!
    Bevor du abspringst – während du fliegst – im Sprung – ist nicht dann der Moment, um eine gute Landung vorzubereiten? Stachel loswerden, Wunden heilen, Aufbruch, auf zu neuen Abenteuern, sicherer, DEN Dirigenten ansprechen können, Sicherheit in sich? Auf zu buntem Glück. Ich hoffe es.

    Darf ich dir diesen Brief jetzt schicken? Berühre ich zuviel? Falle ich gerade wieder über ein fremdes Zebra?
    Liebes Zebra, nimms mir nicht übel, ich wünsche dir alles Beste.

    😉 Darf man das?
    Beerenpflückend, ganz herzlich drückend
    Berblue

    Post scriptum eins: Nicht alles geht alleine… Nicht alles muss alleine gehen.

    Post scriptum zwei, wieder: wie sehr darf sich ein Autor einbringen? Gibt es Andrea?

    Endgültig grüße ich nun, nächtlich. Mögest du heute gut schlafen!

    | Antwort Verfasst 8 years, 4 months ago


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: