Diktatkönigin



Es war einmal…

Anfang der 90er, als ich meine Identität noch nicht in Konsumgütern ausdrücken konnte und mein kleiner Bruder noch neu war, da hatten meine Eltern eine Lieblingskassette. Es war die Zeit, in der Autos noch wegen Kassettenradios aufgebrochen wurden, weshalb meine Eltern es nach jeder Autofahrt unter dem Beifahrersitz versteckten. Ein klotziges und schweres Teil, bei dem ich mich lange wunderte, wie die breiten Kassetten in den kleinen Schlitz hineinpassen konnten. Die Öffnung war für ihre kurze Seite gedacht.
Es war die Zeit, in der eine einstündige Autofahrt eine unbegreifliche Ewigkeit waren. Wenn da nicht Musik gewesen wäre. Wenn da nicht die Kassette gewesen wäre, die meine Eltern so oft abspielten, dass ich voraussagen konnte, welches Lied als nächstes kommt, ohne die Lieder benennen zu können*. Ich hielt das damals für eine außergewöhnliche, fast mystische Fähigkeit, genauso wie am Klang des Schlüssels erkennen zu können, wer vor der Tür stand.
Zuhause verlangte ich häufiger nach der „Musik mit dem Vogel“, Mozarts kleiner Nachtmusik, auf deren Cover ein Rotkehlchen abgebildet war. Im Auto wollte ich die Kassette hören. Die eine.
Jahre später musste ich nicht viel erklären, um meine Mutter nach dem Verbleib dieser Kassette zu befragen. Sie wanderte. Von Kisten, in einer Dachkammer in Bayern, über Kisten in Frankfurt, zu meiner Stiefoma nach Offenbach. Seit 2004 hatte ich bloß die Gewissheit, dass es sie irgendwo geben müsse. Anders als die Merenguekassette, die mein Bruder und ich damals ebenfalls heiß fanden, weil in einem Lied „Mami“ gerufen wurde und wir das verstehen konnten. Die habe ich mit miesen Radiomitschnitten überspielt.
Jetzt, endlich, zu Weihnachten, als eine Überraschung drückt meine Mutter sie mir in die Hand. Zusammen mit Pocahontas und der Muppetsweihnachtsgeschichte auf Englisch. Vielleicht das beste Weihnachtsgeschenk. Die beste Kassette der Welt. Nur gute Musik. Und ich sitz hinten rechts drin, im roten Honda Concerto und erfinde mich in die Welt, die am kindersicheren Autofenster vorbeifliegt.
Und ich sitz hier, vor dem Computer, erinnere mich, wenn ich nicht aufstehe, um im Spiegelbild meines Fensters wild zu tanzen und erfinde mich nicht mehr, weil ich bin. Erinnere mich nicht sehr, weil es schon so lang her ist. Und ich sitz drin, im Auto, das ich nicht fahren kann, mit der Kassettenplaylist auf einem mp3-Player, mit heruntergekurbelten Fenstern, dem Gesicht im Rückspiegel und aufgedrehten Boxen.
Wer fährt mich, wer nimmt mich mit? Wer kann es sein, vor dem ich tanze und mich gebe, wie vor den potenziellen Unbekannten aus dem Nachbarhaus? Wer wird das Spiegelbild sein, in das ich singe? Wer nimmt mich mit, wer fährt mich? (You got a fast car/ I want a ticket to anywhere/ Maybe we make a deal/ Maybe together we can get somewhere )

Seite B:  „Hits (Snap)“

Queen – We will rock you
Dan Hartman – Relight my fire
Cock Robin – The promise you made
Roxette – Dangerous
Saga – No regrets (live)
Go West – We close our eyes
Michael Jackson – Human nature
Wham – Young guns
Led Zeppelin – Stairway to heaven
Chris Rea – Let’s dance

Seite A: „Hits (Body language)“

Snap – Oops up
UB40 – Red red wine
Charles D. Lewis – Soca dance
Lisa Stansfield – All around the world
Werner – Beinhart wie’n Rocker
LL Cool J – I need love
Pete Townshend – Face to face
? – Unchained melody
Queen – Body language
Tracy Chapman – Fast car
??? (Text in einer afrikanischen Sprache? Can’t identify it)

*Oh mein Gott, ich kann es immer noch. Nach Lisa Stansfield kommt Werner und ich erinnere mich. Weil ich dieses Lied damals ganz besonders ersehnte. Und die Pause zwischen beiden Liedern lang genug ist, um es richtig erkribbeln zu können.

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