Diktatkönigin


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The following is a list of all entries from the Befindlichkeitsplattform category.

Wann es nervt, ein Lächelmädchen zu sein.

Kaufe eine Herrenuhr an einem Uhrenstand in einer beliebigen Einkaufsmeile einer mittelgroßen Großstadt. Ich will schon seit einer Weile eine große, altmodische Herrenuhr. 300 bis 900€ möchten Juweliere für way too much Kitch. Hier nur 5€ für braunes Lederimitat und silberne Zeiger, silbernen runden Rahmen. Die Typographie der Ziffern entspricht dem Preis. Das Verkaufsgespräch auch. „Mit dieser Uhr laufen dir alle Jungs hinterher.“ (Genau was ich wollte. Mit einer Herrenuhr.) Der Verkäufer besteht darauf, sie mir umzulegen. Wie nett. Seine Uhrenstandkollegin weist er an, ein weiteres Loch in das Armband zu bohren, ohne ein Bitte. Als er mit meinem Handgelenk fertig ist, gebe ich ihm drei 2-€-Münzen. Er lässt sich von ihr einen Euro geben (wieder ohne Bitte), nimmt meine Hand und tut so, als ließe er den Euro hineinfallen. Ahja. Ungelenk ‚zaubert‘ er ihn aus seiner Hand. Gibt ihn mir doch. Guckt ernst. Sagt: „Was machst du bloß mit mir?“

Eine Uhr kaufen wollte ich. Und was machst du? Wichser.


Dizzledazzle

Mir ist schwindlig. Ich gehe so schnell über die Einkaufsststraße, dass es sich lohnte, meine Kilometer pro Stunde zu messen, und nichts passiert. Es duselt bloß konstant. Ich esse, trinke, schlafe und der Schwindel geht nicht weg. Ich bewege mich schnell und rauf und runter und hin und her und falle trotzdem nicht um. Es ist bloß in meinem Kopf. Genau das.

Ein Mann bittet um Kleingeld, vor dem Buchgeschäft, ich kann nicht ausweichen. Ich greife in den Filz, suche goldene 10-Cent-Stücke zusammen. Er macht mir ein Kompliment zu meinen Haaren, fragt ob sie gefärbt seien. „Wussten Sie, dass nur 3 Prozent der Menschheit rote Haare haben?“ Nein, das wusste ich nicht. Ich erinnere mich bloß so halb, dass die Melanozyten für die Farbe sorgen und es bei Menschen meines Typs ein hohes Hautkrebsrisiko gibt.
Später kaufe ich mit dem Geld, das ich auch ihm hätte geben können, Naturhaarfarbe in meinem Farbton.

Der Schlaf hinterließ Schreckensspuren. Mit einer radioaktiven Bombe stand ich im Treppenhaus. Ich hatte das bunte Ding an meine Brust gedrückt und damit versehentlich den Auslöser gedrückt. Ein Ticken zählte die Sekunden rückwärts, ich reagierte spät. Ließ die Bombe mehr los, als dass ich sie wegwarf, sie landete neben mir. Ich erstarrte neben den Treppenstufen, statt hochzulaufen. (Wohin denn bitte, in zwei Sekunden?) Dann zündete sie.
Ich ahne, dass sich ein leichter Herzinfarkt so ähnlich anfühlt. Hätte ich sie in der Hand behalten, wäre ich tot gewesen. Das war zwar mein Plan, doch nicht für diesen Moment. Jetzt käme das Sterben mit einiger Verzögerung. Schleichende Herzschmerzen. („Ich muss es meinem Bruder erzählen“, das war der erste Gedanke nach der Druckwelle, die tatsächlich nur mich traf.)
Im Traum auch eine Mail, in der sehr klar wurde, dass ihr Verfasser mich ficken wollte. Ich bin zwar nett und lächele und so weiter, aber so weit nicht. Nein. Nein. Ich hätte vorher nein sagen sollen. (Aber ich bin nett und lächele und so weiter.)
Aber nicht so schlimm, alles nicht so schlimm, trotz der wahren Begebenheiten, auf denen dieser Film beruht.

Warum ich Youtube-Kommentare lese:

„This song reminds me of a bad time in my life,i had to fire a young man from his dream job,he cried and i cried but this song got us through it,
you’re my boy petey,you’re my boy!“

Ein Mann fragt nach der Kunsthalle, ich sage ihm den Weg und wiederhole mich dabei. Er holte mich aus dem feinsten Schokoladenschaufensterstarren. Er hat Hunger und fragt nach einer Möglichkeit zu essen. Ich überlege so lange, dass ich nichts sage, dann sage ich ihm einen Weg, eine Möglichkeit, kann ihm die Richtung zeigen. Es ist auch meine Richtung, deshalb zögerte ich. Er will mitkommen, ich könne doch mit ihm essen (Nein, nein, danke, ich bin auf dem Weg nach Hause), er lade mich ein, usw.. Na gut. Ich bin nett und lächele. Er siezt mich. Auf dem Weg stellt er sich vor, wir geben uns die Hand. Er ist LKW-Fahrer aus München und heißt wie ein Jury Mitglied aus GNTM. Wir stehen schweigend an der Ampel, da wird er angerufen. Eigentlich muss er jemanden treffen, vor einer anderen Kunsthalle. Ich sage ihm den Weg und wiederhole mich. (Der Weg ist so einfach, dass ich ihn einfach wiederholen muss.) Bevor er geht, fragt er nach meiner Handynummer, damit wir noch zusammen essen gehen können, am Wochenende. Bin fast erstaunt, wie leicht die zu haben ist.
(Bin nicht so leicht zu haben. Werde nicht ans Telefon gehen, wie üblich.)

This was a day of reconciliation & hasty meditation. Aber morgen, da will ich fleißig sein und schreiben und vielleicht, aber wirklich nur wenn ich fleißig war und nicht stattdessen, und auch nur, wenn ich es mir verdiente, werde ich hübsche Dinge kaufen. Notizbücher oder Schuhe oder Bohrmaschinen oder sowas.


Heute

habe ich mich in grüne Hufeisenseide gefaltet. Heute habe ich aus Anspannung Sit-Ups gehoben. Heute habe Toast längs auseinander gefaltet, eine Seite knusprig, eine Seite mandelweich, ihn in Tassensuppe getunkt. Heute Nacht habe ich gelacht.

Heute habe ich den bunten Schal vom Balken geknotet, mich des Galgens entledigt. Heute hoffe ich.


’s ist ein Ziel, auf Innigste zu wünschen

Läge ich in einer Badewanne, ich würde bloggen und twittern und Tee trinken und schwitzen und so tun, als ob ich arbeitete und naschen und lüften und das Herzweh und die tausend Stöße ersticken, die unsers Fleisches Erbteil.

Läge ich in meinem Bett (das kein Bett ist, sondern zwei Matratzen aufeinandergelegt), ich würde mir den englischsprechenden Papageienvogel in die Kuhle zwischen Brust und Brust stecken, den Arm drüberlegen, die Hand unter’s Kissen schieben und schlafen, vielleicht auch träumen.

Ja, da liegts:

Ich liege nicht.


Hier

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bin ich richtig.

Es ist so leicht. Nie war leicht sein leichter. Oder?
Keine großen Gedanken darum, was und wie ich etwas sage. Nicht ein Gedanke dazu, ob ich etwas sage. Ich kann. So einfach.
Ich spreche. Spreche, obwohl andere es besser wissen könnten, spreche, obwohl andere dasselbe sagen könnten. Mir fällt etwas ein und ich sage es. Was ich sage: völlig okay. Als hätte ich das schon immer so getan, so und nicht anders. „Ich“ funktioniert.

Hier bin ich richtig. Bin eine unter vielen, die wie ich sind. Nicht der große Teichfisch plötzlich im Meer, sondern froher Fisch im Schwarm. Meine Regenbogenschuppen glitzern nicht mehr als die der anderen, bloß ein bisschen anders. Und immer sehr ähnlich.

Hätte ich vorher Universität essen dürfen, ich hätte Schule nicht mehr angerührt. Mir wäre vielleicht übel geworden. Wenn ich das gewusst hätte! (dann hätte ich mir nicht so viel Zeit gelassen.)
Letztes Jahr war ich manchmal so falsch. Wusste nicht, wo ich war und wie es geht. Was war? Konnte nicht folgen. Konnte nicht.
Hier bin ich richtig, im Großen und im Detail. In den Themen und im Umgang. Niemand fühlt sich durch Zuspätkommende in seiner Autorität verletzt und straft sie mit bösen Blicken. Sesamstraße zum Vorlesungsende. So selbstverständlich. Ich mache nur das, was ich machen möchte. Und kann!

Hier bin ich richtig. Lese Haselnüsse vom Boden auf, knacke sie mit meinen Zähnen und singe mich im Herbstlicht über’s Land.


Ba-Bam!

Mein Körper ist vielleicht stark, huiuiui. Nehmt euch in Acht, der nimmt’s mit jeder Widrigkeit auf. Den wirft so leicht nix um. Der bleibt stehen, auch wenn ich ihm das Fallen gestatte.

Tatort Blutabnehmestelle: Mal gucken, was ich kann. Ich habe weder gefrühstückt, noch mittaggegessen, und, ähm ja, schwindele ein bisschen, sage, meine letzte Mahlzeit sei um 10 Uhr gewesen. Hey, ich bin froh, ich bin da, ich will der Welt mein Blut schenken. Da will ich nicht aus Sicherheitsgründen wieder heim. Ich will die Nadel, den Spezialsitz, Cola trinken, großes Pflaster und das Frühstück danach.
Wieviel ich getrunken habe, will die Ärztin wissen. Ohoh. Ob ich getrunken habe, wäre als Frage präziser, ich trink vielleicht so ein Glas am Tag. Zählt das Wasser, das man beim Zähneputzen schluckt? Wieviel trinken Menschen bis mittags normalerweise? Ich sage mal „1 Liter“, das wird schon passen.
Dann will sie wissen, wieviel ich wiege und ich schätze. Das geschätzte Gewicht hatte ich mit zwölf, das weiß ich, das könnte ich jetzt ja wieder haben. Sie glaubt mir nicht, bittet mich auf die Waage, es ist weniger. So wenig jetzt aber auch nicht, hmpf, die Mindestgewichtsanforderung erfülle ich.
Schließlich fragt sie mich in ernstem Tonfall, ob ich mir das gut überlegt habe, weil ich so leicht und und klein sei und noch dazu einen sehr niedrigen Blutdruck hätte. Erhöhtes Risiko zu kollabieren. Der Abstand meiner letzten Mahlzeit sei auch fast zu groß. „Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie das machen wollen?“ Äh, ja. Bitte?

Alles kein Problem, ich passe auf: nicht der geringste Schwindel. Ich fühle mich wach und stark. „Ba-bam!“ eben. Obwohl ich währenddessen gelesen habe, wovon mir gegen Ende abgeraten wurde (die Anstrengung, ihr versteht.), obwohl mein Magen leer und das Wetter sehr warm war, alles kein Problem.
Der Arm ein bisschen taub und die Ansicht auf die Nadel, die halb in der Haut hing (hoffentlich fällt die da nicht raus und reißt dabei die Haut durch, so dass das Blut mit meinen Bewegungen durch den Raum spritzt und fließt) ein bisschen eklig, aber sonst, wirklich, alles prima.

Frühstück auch super, und der Heimweg ebenso; ich habe so gute Laune, dass ich jemanden auf ein erhöhtes Beförderungsentgelt einladen will. An der zu erwartenden Schwäche wachse ich, trete auf festen Boden. Und draußen strahlen meine Rosen so weiß und frisch.

Bei allen Schimpfgedanken, die man manchmal gegen sich hat: ich mag meinen Körper. Ich bin stolz darauf, wie stark er ist. Schließlich hält er mich aus und kann mich tragen. Auch wenn ich ihm das Fallen gestatte.


Liebe Andrea,

es ist mal wieder an der Zeit. Der Inhalt ein anderer als sonst. Ich hab ihn dir auf den Straßen dieser Stadt und in den Morgenden nach diesen Nächte zugemurmelt. Weiß nicht, ob das so weiter gehen kann mit uns.

In letzter Zeit schiebst du dich ständig in meine Träume und Gedanken. In einer nervigen Beiläufigkeit, mit der ich nichts anzufangen weiß. Das liegt auch an mir selbst; ich lade dich ein, ich hole dich zu mir, ich habe es endlich geschafft, dir in meinem Alltag Worte zu geben. Du bist, zum Glück, wieder das Stückchen Normalität, dass du mal warst. Aber – Je häufiger ich auf dich treffe, umso stärker fällt mir auf, dass du fehlst. Und wie du fehlst! Das nervt.

Also, das erste Mal seit diesem dummen, heißen Juli, dass ich das denke: Du hast einen großen Fehler gemacht. Du hast Scheiße gebaut. Du hast mich allein gelassen. Und ich sitz da, letzte Religionsstunde meines Lebens, und soll mir darüber Gedanken machen, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Logo, dass ich an dich denke. Und soll mir Gedanken machen, ob man Sachen bereuen kann, die man mal richtig fand. Logo kann man.

Als ich dich noch bei mir hatte, voll und ganz und auch noch nicht entfremdet (in deiner Pubertät zum Beispiel, weißt du noch?), fehlte es mir an einem richtigen Freundeskreis. Den habe ich jetzt und du fehlst. So als ob man nie zwei großartige Sachen zusammen haben könnte. Im Juni Abiball und du nicht da (um mich zu sehen, meine Freunde zu sehen, meine Lehrer zu sehen), sondern nur um meinen Hals. So eine Scheiße. (Hühnchen sagte, dass du bestimmt stolz auf mich seist. Ich will das aber nicht aus seinem Mund hören, sondern aus deinem.)

Weiß nicht, worauf ich gerade hinaus will. Will dich ja nicht weniger bei mir haben. Will aber auch nicht ständig von deiner Abwesenheit so durchgeschüttelt werden, als hätte es außer dir nichts gegeben und sei nun alles nur nichts. Weiß nicht, ob das jemals was wird. (Die Gedanken in die eine Richtung, dass es nichts werden kann, dass ich inkomplett bin, dass ich dich wiederhaben will, jetzt sofort. Die Gedanken in die andere Richtung, dass ich alles, was dein war, archivieren will, zugänglich machen will. Ein Du-Museum, in dem das Tolle, das du warst, sichtbar wird. Die Gedanken in die eine Richtung, mich weit von mir weg, bis ich nicht mehr zu sehen bin. Die Gedanken in die andere Richtung, mich ganz weit hinaus, wo durch mich viel passiert.)

Ich bin so müde. Und du kriegst all den Schlaf ab.


ANGSTVORFREUDE

Für die ersten Menschen heute die erste Prüfung. Voherhernachhermittenddrin. Ein bunter Schulhof, das Plakatebasteln hört nicht auf. Auch ich habe was bekommen.

Umarmungen, Überraschungen, Zeug. Gefühle. Wir träumen fast alle von der Schule. Wenn wir schlafen; das ist keine Selbstverständlichkeit. Wir schlafen nicht ein, wir wachen immer wieder auf. Rasendes Herz.

Gefühle, Ideen, Mutmachen.
Wenn sich das Abitur am Ausmaß der guten Wünsche orientieren würde, ich hätte es längst. Hab’s lang noch nicht. Will es endlich um haben. (Das wird so gut, vorbeisogutsogut!) Hätte mir nicht ausmalen können, wie das ist, staune und wundere mich, ob andere begreifen können, wie das ist. Kann’s nicht fassen.
Etwas herausgefunden: Abitur, das ist nicht die Überprüfung von Wissen aus zwei Jahren Oberstufe mit 13 Jahren Schulhintergrund. Abitur ist der Beweis, dass man mit hoher stresslicher Belastung umgehen kann, dass man unter Stress und Druck besteht. Besteht, haha.

Es ist bald vorbei. Endlich bald vorbei. And now we proudly introduce our guest artist: Tinnitus!


Kas?

Begreife nicht. Das war das. Das war das? Was?

So war ein Orchesterkonzert noch nie.
Erstens: So viele Augen auf mir und dabei auch so guter Zuspruch. Davor: „Ihr schafft das schon!“ und viele, viele, viele aufmunternde Blicke, wenn man sich so umschaut. Im Orchester, alle nicken, lächeln aufmunternd. Im Publikum, Winken und Daumen hoch.
Danach: Wem man begegnet: „Gut.“ „Sehr schön.“ Usw. Echt jetzt?
Denn dazwischen: Fehler, Unsauberkeiten, Unsicherheiten.

In der Pause sehe ich alte Lehrer wieder, langvermisste Lehrer. Komisch. Hätte mehr sagen wollen. Aber Konzertsituation. Da ist man durch den Wind und will noch viele andere grüßen.
Nein, Pause: Es ist so seltsam. Will weinen, es begreifen, es festhalten, damit ich merke, wie ich es verliere. Will weinen über sie und mich und uns und die Situation. Was war das? Es zog so vorbei.

Das war das? Das war Solospielen und sie wiedersehen?
Ja, ich habe, was ich wollte. Der Glanz, den verbesserten Kommentar vom Kritischen. (Vor 5 Jahren: „Deine Referate sind ja sehr gut, aber die Geige…“ Heute: „Das war gut/da hat sich ja richtig was getan. Wenn ich da noch an vor 5 Jahren denke…“), das Soloseindürfeneinevondenendietollsind. Eine von denen. Und das ist schwer. Kann mich in die anderen Solisten reinfühlen, weil ich jetzt begreife, wie schwer das für sie ist. Die Aufregung davor (Herzschlag in Allegro, ohne Mist jetzt), die kleinen Patzer, das Loslassen danach. Die Freude über jedes Kompliment.
(Lächeln vom Dirigenten, Erleichterung.)

Trotzdem nicht richtig.
War die letzten Konzerte so melancholisch, habe mich in die schönsten Sachen reingedacht und nicht mehr rausbekommen. Eine große Welt und viel Sehnen. Heute war es anders. Schnell fertig und ich nicht darin verwebt. Auch die Sache mit diesen Lehrern. Will begreifen, die Tragweite und so weiter, und darüber schluchzen können, aber es geht nicht.
Es ist seltsam, wirklich. Kann’s auch nicht erklären. Bin sehr zufrieden, war fast die Schönste, habe viel Gutes erfahren. Trotzdem ist alles weit von mir weg. Weit.

Morgen geht es weiter.

((Mir ist immernoch schlecht von dem Topf Sahne vom Vortag.))


Wochenende.

schwarz