Diktatkönigin


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The following is a list of all entries from the persönlich category.

Fatalismustanz

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Überlege, mir die Haare abzuschneiden. Vielleicht vorher noch blond färben, damit das auch mal durch ist. Dann knallbunt und dann weg. Komplett. Und dann? Und wann?
Dann wenn. Wenn.
Wenn es nicht dazu kommt, dass diese Hände durch meine Haare gehen. Dann, wenn nur Winde das tun. Dann ist es egal.

(Noch zählt es.)

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Dizzledazzle

Mir ist schwindlig. Ich gehe so schnell über die Einkaufsststraße, dass es sich lohnte, meine Kilometer pro Stunde zu messen, und nichts passiert. Es duselt bloß konstant. Ich esse, trinke, schlafe und der Schwindel geht nicht weg. Ich bewege mich schnell und rauf und runter und hin und her und falle trotzdem nicht um. Es ist bloß in meinem Kopf. Genau das.

Ein Mann bittet um Kleingeld, vor dem Buchgeschäft, ich kann nicht ausweichen. Ich greife in den Filz, suche goldene 10-Cent-Stücke zusammen. Er macht mir ein Kompliment zu meinen Haaren, fragt ob sie gefärbt seien. „Wussten Sie, dass nur 3 Prozent der Menschheit rote Haare haben?“ Nein, das wusste ich nicht. Ich erinnere mich bloß so halb, dass die Melanozyten für die Farbe sorgen und es bei Menschen meines Typs ein hohes Hautkrebsrisiko gibt.
Später kaufe ich mit dem Geld, das ich auch ihm hätte geben können, Naturhaarfarbe in meinem Farbton.

Der Schlaf hinterließ Schreckensspuren. Mit einer radioaktiven Bombe stand ich im Treppenhaus. Ich hatte das bunte Ding an meine Brust gedrückt und damit versehentlich den Auslöser gedrückt. Ein Ticken zählte die Sekunden rückwärts, ich reagierte spät. Ließ die Bombe mehr los, als dass ich sie wegwarf, sie landete neben mir. Ich erstarrte neben den Treppenstufen, statt hochzulaufen. (Wohin denn bitte, in zwei Sekunden?) Dann zündete sie.
Ich ahne, dass sich ein leichter Herzinfarkt so ähnlich anfühlt. Hätte ich sie in der Hand behalten, wäre ich tot gewesen. Das war zwar mein Plan, doch nicht für diesen Moment. Jetzt käme das Sterben mit einiger Verzögerung. Schleichende Herzschmerzen. („Ich muss es meinem Bruder erzählen“, das war der erste Gedanke nach der Druckwelle, die tatsächlich nur mich traf.)
Im Traum auch eine Mail, in der sehr klar wurde, dass ihr Verfasser mich ficken wollte. Ich bin zwar nett und lächele und so weiter, aber so weit nicht. Nein. Nein. Ich hätte vorher nein sagen sollen. (Aber ich bin nett und lächele und so weiter.)
Aber nicht so schlimm, alles nicht so schlimm, trotz der wahren Begebenheiten, auf denen dieser Film beruht.

Warum ich Youtube-Kommentare lese:

„This song reminds me of a bad time in my life,i had to fire a young man from his dream job,he cried and i cried but this song got us through it,
you’re my boy petey,you’re my boy!“

Ein Mann fragt nach der Kunsthalle, ich sage ihm den Weg und wiederhole mich dabei. Er holte mich aus dem feinsten Schokoladenschaufensterstarren. Er hat Hunger und fragt nach einer Möglichkeit zu essen. Ich überlege so lange, dass ich nichts sage, dann sage ich ihm einen Weg, eine Möglichkeit, kann ihm die Richtung zeigen. Es ist auch meine Richtung, deshalb zögerte ich. Er will mitkommen, ich könne doch mit ihm essen (Nein, nein, danke, ich bin auf dem Weg nach Hause), er lade mich ein, usw.. Na gut. Ich bin nett und lächele. Er siezt mich. Auf dem Weg stellt er sich vor, wir geben uns die Hand. Er ist LKW-Fahrer aus München und heißt wie ein Jury Mitglied aus GNTM. Wir stehen schweigend an der Ampel, da wird er angerufen. Eigentlich muss er jemanden treffen, vor einer anderen Kunsthalle. Ich sage ihm den Weg und wiederhole mich. (Der Weg ist so einfach, dass ich ihn einfach wiederholen muss.) Bevor er geht, fragt er nach meiner Handynummer, damit wir noch zusammen essen gehen können, am Wochenende. Bin fast erstaunt, wie leicht die zu haben ist.
(Bin nicht so leicht zu haben. Werde nicht ans Telefon gehen, wie üblich.)

This was a day of reconciliation & hasty meditation. Aber morgen, da will ich fleißig sein und schreiben und vielleicht, aber wirklich nur wenn ich fleißig war und nicht stattdessen, und auch nur, wenn ich es mir verdiente, werde ich hübsche Dinge kaufen. Notizbücher oder Schuhe oder Bohrmaschinen oder sowas.


Die kleine und die große Stadt

Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis.

Eine Reise vom Wohnraumzuhause ins abstrakte Zuhause. Von den Bücherwänden zurück ins Fernsehland. Hier wird sparsam geheizt. Ich friere, weil ich mich nicht wettergemäß kleide. Auch in der großen Stadt liegt Schnee. Die große Stadt mit den hohen Häusern und ihrem langen Weg nach unten.

Dem Bruder ins Gesicht furzen, weil ich es kann und es zum Thema passt. Fette Abreibung und der Hinweis, seinem Kumpel das nicht sagen zu dürfen (aus dessen SchülerVZ-Profil: „was ich nicht mag: wenn Typen mir nicht ihre Schwänze zeigen“). Später kauft er mir eine Auster und öffnet sie auch. „Du musst den Schließmuskel durchschneiden, dann ist sie tot. So.“

Die Literaturfreunde und die Schulmenschen wollen Allgemeines aus der kleinen Stadt hören; ich kann nur die Details. Wie es mit dem Schreiben gehe, ob es sich oder mich verändert habe. Das weiß ich nicht. Zweimal Fragen zum Roman. Ich warte auf den Sommer. Er verdient Raum, er soll ihn bekommen. Er braucht Aufmerksamkeit, ungeteilte, ich will sie ihm geben. Dann, wenn wieder T-Shirt-Zeit ist und Finger beim Tippen nicht vereisen.
Übereinstimmung darin, dass ich blühe, strahle. Höre ich häufiger nach Zweifelzeiten. Dass man sieht, wie gut es mir in der kleinen Stadt gehe, an meinem Strahlen. Das liegt an der Freude darüber, wieder Großstadt zu erleben. Das liegt an den guten Menschen der kleinen Stadt, die mich hielten und lachen machten. Viele von ihnen in Dresden, um Stimme und Fäuste gegen Nazis zu erheben.

In der großen Stadt leben bunte und schmutzige Menschen. Ich mag das. Ich stehe gern im Dreck, ich werde wieder baden. Meine Mutter hat mir eine Badewannenablage mit Buchstütze und Gläserhaltern gekauft. Das letzte Mal habe ich noch ein langes Stück Sperrholz benutzt. Schlafe auf einer Ledercouch von der nachts die Decke rutscht, auf der ich liege.

Mein weißes Zimmer gesaugt, bevor ich ging; jetzt mache ich Urlaub im Durcheinander. Pilgerpläne, Politikpläne, Plauderpläne. Programmatisch: Plastikplane über den Herzschmerzschmu. Bringe mich in Sachen Unterschichtenfernsehen, Charts und Schulfreundeleben auf den neuesten Stand. Singe Nachbarhäuser an und so weiter. Die nächsten zwei Wochen werden gut.


Heute

habe ich mich in grüne Hufeisenseide gefaltet. Heute habe ich aus Anspannung Sit-Ups gehoben. Heute habe Toast längs auseinander gefaltet, eine Seite knusprig, eine Seite mandelweich, ihn in Tassensuppe getunkt. Heute Nacht habe ich gelacht.

Heute habe ich den bunten Schal vom Balken geknotet, mich des Galgens entledigt. Heute hoffe ich.


Es war einmal…

Anfang der 90er, als ich meine Identität noch nicht in Konsumgütern ausdrücken konnte und mein kleiner Bruder noch neu war, da hatten meine Eltern eine Lieblingskassette. Es war die Zeit, in der Autos noch wegen Kassettenradios aufgebrochen wurden, weshalb meine Eltern es nach jeder Autofahrt unter dem Beifahrersitz versteckten. Ein klotziges und schweres Teil, bei dem ich mich lange wunderte, wie die breiten Kassetten in den kleinen Schlitz hineinpassen konnten. Die Öffnung war für ihre kurze Seite gedacht.
Es war die Zeit, in der eine einstündige Autofahrt eine unbegreifliche Ewigkeit waren. Wenn da nicht Musik gewesen wäre. Wenn da nicht die Kassette gewesen wäre, die meine Eltern so oft abspielten, dass ich voraussagen konnte, welches Lied als nächstes kommt, ohne die Lieder benennen zu können*. Ich hielt das damals für eine außergewöhnliche, fast mystische Fähigkeit, genauso wie am Klang des Schlüssels erkennen zu können, wer vor der Tür stand.
Zuhause verlangte ich häufiger nach der „Musik mit dem Vogel“, Mozarts kleiner Nachtmusik, auf deren Cover ein Rotkehlchen abgebildet war. Im Auto wollte ich die Kassette hören. Die eine.
Jahre später musste ich nicht viel erklären, um meine Mutter nach dem Verbleib dieser Kassette zu befragen. Sie wanderte. Von Kisten, in einer Dachkammer in Bayern, über Kisten in Frankfurt, zu meiner Stiefoma nach Offenbach. Seit 2004 hatte ich bloß die Gewissheit, dass es sie irgendwo geben müsse. Anders als die Merenguekassette, die mein Bruder und ich damals ebenfalls heiß fanden, weil in einem Lied „Mami“ gerufen wurde und wir das verstehen konnten. Die habe ich mit miesen Radiomitschnitten überspielt.
Jetzt, endlich, zu Weihnachten, als eine Überraschung drückt meine Mutter sie mir in die Hand. Zusammen mit Pocahontas und der Muppetsweihnachtsgeschichte auf Englisch. Vielleicht das beste Weihnachtsgeschenk. Die beste Kassette der Welt. Nur gute Musik. Und ich sitz hinten rechts drin, im roten Honda Concerto und erfinde mich in die Welt, die am kindersicheren Autofenster vorbeifliegt.
Und ich sitz hier, vor dem Computer, erinnere mich, wenn ich nicht aufstehe, um im Spiegelbild meines Fensters wild zu tanzen und erfinde mich nicht mehr, weil ich bin. Erinnere mich nicht sehr, weil es schon so lang her ist. Und ich sitz drin, im Auto, das ich nicht fahren kann, mit der Kassettenplaylist auf einem mp3-Player, mit heruntergekurbelten Fenstern, dem Gesicht im Rückspiegel und aufgedrehten Boxen.
Wer fährt mich, wer nimmt mich mit? Wer kann es sein, vor dem ich tanze und mich gebe, wie vor den potenziellen Unbekannten aus dem Nachbarhaus? Wer wird das Spiegelbild sein, in das ich singe? Wer nimmt mich mit, wer fährt mich? (You got a fast car/ I want a ticket to anywhere/ Maybe we make a deal/ Maybe together we can get somewhere )

Seite B:  „Hits (Snap)“

Queen – We will rock you
Dan Hartman – Relight my fire
Cock Robin – The promise you made
Roxette – Dangerous
Saga – No regrets (live)
Go West – We close our eyes
Michael Jackson – Human nature
Wham – Young guns
Led Zeppelin – Stairway to heaven
Chris Rea – Let’s dance

Seite A: „Hits (Body language)“

Snap – Oops up
UB40 – Red red wine
Charles D. Lewis – Soca dance
Lisa Stansfield – All around the world
Werner – Beinhart wie’n Rocker
LL Cool J – I need love
Pete Townshend – Face to face
? – Unchained melody
Queen – Body language
Tracy Chapman – Fast car
??? (Text in einer afrikanischen Sprache? Can’t identify it)

*Oh mein Gott, ich kann es immer noch. Nach Lisa Stansfield kommt Werner und ich erinnere mich. Weil ich dieses Lied damals ganz besonders ersehnte. Und die Pause zwischen beiden Liedern lang genug ist, um es richtig erkribbeln zu können.


Blick zurück ins alte Jahr

2008

1. Zugenommen oder abgenommen?
Abgenommen. Mit dem Abitur. Entweder vergessen zu essen, oder für’s Essen zu sehr stressen lassen, oder das Gegessene schnell verbraucht.

2. Haare länger oder kürzer?
Länger. Über die Schulter hinaus. Am Silvesterabend noch Komplimente dafür bekommen, wie viel besser mir langes Haar stehe. Auch der Sommerpony wächst jetzt raus, kann ihn mir bald hinter die Ohren klemmen.

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Kurzsichtiger. Es macht etwas aus, wenn die Brille fehlt. (Vorsatz für’s neue Jahr: Die Mitfahrgelegenheit, in der ich sie vergaß, darum bitten, sie mir zu schicken.)

4. Mehr Kohle oder weniger?
Erst mehr, dann weniger. Zum Schluss wieder mehr, aber das gehört bald anderen Abnehmern und reicht bei weitem nicht.

5. Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr ausgegeben. All das, was mehr war, für den Umzug zum Beispiel. Und Bücher. Oh my goodness, Bücher!

6. Mehr bewegt oder weniger?
Mehr bewegt, denn ich gehe viel zu Fuß. Fahrkartengeiz und weil ich es kann. Also, weil alles nun so nah beieinander liegt.

7. Der hirnrissigste Plan?

Vom Ostend ins Westend zu laufen ohne auf die Stadtkarte geguckt zu haben. Mehr fällt mir nicht ein.

8. Die gefährlichste Unternehmung?

Im Sommer mit den Tabletten aufhören, weil der Schachtelinhalt ein Ende nahm und ich Praxisgebühr sparen wollte. Stupid & dangerous & stupid & careless & dangerous & stupid.

9. Der beste Sex?
In meinem Kopf. Aber verdammt gut.

10. Die teuerste Anschaffung?
In Geldmenge: die Schulden bei der Deutschen Bahn, nachdem ein Anwahltsdrohbrief kam. Wovon ich jetzt noch etwas habe: neue Möbel, u.a. Sessel, Barhocker, Bücherregale und als Teuerstes ein Tisch. (ein Tisch!)

11. Das leckerste Essen?
Alles, immer, wenn ich hungrig war. Immer, wenn ich Gelegenheit hatte mich vollzustopfen. Aber besonders lecker, weil exquisit und feine Mahlzeit für den Sommer, nach Tanzen und bei Festen: Datteln mit Frischkäsefüllung, Honig und darauf Minze. Gaumenkuss.

12. Das beeindruckendste Buch?
Gezählt: es waren dieses Jahr ungefähr 70. Ein paar mehr, aber ich habe einige nicht ganz gelesen. Das macht die Auswahl schwer.
Nennen und empfehlen und herzen will ich Oktober und wer wir selbst sind von Peter Kurzeck. Erst im dritten Oktober, seit es bei mir wohnt, habe ich geschafft, es zu lesen. So, als hätte ich mir guten Kuchen für den Schluss aufgehoben, als ob er so länger hielte. Es war bester Frankfurter Kranz; ich zehre immer noch davon.

13. Der ergreifendste Film?
Bestimmt ein Internetvideo. Didn’t keep track of it.

14. Die beste CD?
CD?

15. Das schönste Konzert?

Violinkonzert in d-moll für zwei Geigen und Streichorchester von Vivaldi. Ich als zweite Sologeige, beim Schulkonzert. Das war groß. Nicht weil es gut war, sondern weil es unmöglich schien.

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?

Büchern, im Bett von Freunden und damit, zu atmen.

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?
Freunden, im Sonnenlicht und damit, zu umarmen.

18. Vorherrschendes Gefühl 2009?
Vorfreude und Neugier.

19. 2009 zum ersten Mal getan?
Ein Brautkleid getragen.
In einer Dunkelkammer Fotos entwickelt.
Die Augen geschlossen und vor Publikum gesungen.

20. 2009 nach langer Zeit wieder getan?
Mir ein Pony geschnitten.
Nur für mich und mein Vergnügen gelesen.
Wieder Kontakt mit den Großeltern aufgenommen.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Zweimal die Abiturklausur in Geschichte zu schreiben.
Den ein oder anderen (ungelösten) Konflikt.
Mein verlorenes Mobiltelefon.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass Noten keine Aussagekraft haben, nicht wichtig sind, später vergessen sein werden und natürlich, dass Leistungsdenken stinkt. Nach Gülle. Uargh.

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Mit allen zusammen ein Paket, um P. zu zeigen, dass wir ihn nicht vergessen haben, dass wir an ihn denken und er fehlt.

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Dass ein Teil eines Textes von mir gedruckt und bei den Abreißgedichten im Foyer des Literaturhauses aufgehängt wurde.

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Du bist richtig aufgeblüht. und Du siehst sehr glücklich aus. (Weil es stimmte.)

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
In Gedanken: Ich mag dich sehr. (Verschiedene Adressaten)

27. 2009 war mit einem Wort …?

Leuchtend. (Vielfarbig)


Hier

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bin ich richtig.

Es ist so leicht. Nie war leicht sein leichter. Oder?
Keine großen Gedanken darum, was und wie ich etwas sage. Nicht ein Gedanke dazu, ob ich etwas sage. Ich kann. So einfach.
Ich spreche. Spreche, obwohl andere es besser wissen könnten, spreche, obwohl andere dasselbe sagen könnten. Mir fällt etwas ein und ich sage es. Was ich sage: völlig okay. Als hätte ich das schon immer so getan, so und nicht anders. „Ich“ funktioniert.

Hier bin ich richtig. Bin eine unter vielen, die wie ich sind. Nicht der große Teichfisch plötzlich im Meer, sondern froher Fisch im Schwarm. Meine Regenbogenschuppen glitzern nicht mehr als die der anderen, bloß ein bisschen anders. Und immer sehr ähnlich.

Hätte ich vorher Universität essen dürfen, ich hätte Schule nicht mehr angerührt. Mir wäre vielleicht übel geworden. Wenn ich das gewusst hätte! (dann hätte ich mir nicht so viel Zeit gelassen.)
Letztes Jahr war ich manchmal so falsch. Wusste nicht, wo ich war und wie es geht. Was war? Konnte nicht folgen. Konnte nicht.
Hier bin ich richtig, im Großen und im Detail. In den Themen und im Umgang. Niemand fühlt sich durch Zuspätkommende in seiner Autorität verletzt und straft sie mit bösen Blicken. Sesamstraße zum Vorlesungsende. So selbstverständlich. Ich mache nur das, was ich machen möchte. Und kann!

Hier bin ich richtig. Lese Haselnüsse vom Boden auf, knacke sie mit meinen Zähnen und singe mich im Herbstlicht über’s Land.


Sommerliche Freiheit

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Jetzt ist es fertig, jetzt fängt es an.

Da steht ein Sommer vor der Tür, der Zeit vespricht. Vollstes Konto zu meiner freiesten Verfügung. Das ist die Zeit sich auf große Papierbögen zu malen, was man machen möchte und den Stift in die Hosentasche zu stecken, weil bestimmt mehr dazu kommt. Zeit für Augen auf und Haare im Wind.

Möchte nicht nur ohne Ende ausschlafen, sondern zu Ende lesen, was mein Regal hergibt. Möchte Lettisch lernen und mich von Tag zu Tag schreiben. Möchte Beweise dafür, dass ein Schulzeitende nur etwas Zufälliges ist.

Sommergenusssommer. Hier bleiben und hier schöne Dinge machen. Endlich wieder Langeweile und daraus Selbstgemachtes. Diesen Sommer nicht umtriebig sein, damit ich mich auf einen Umzug freuen kann und auch Energie dafür habe. Ideen gibt es schon:

Eine Schaukel wünsche ich mir in meinem neuen Zimmer und meine Bücher (welche nehme ich mit? Vor allem: Wohin?) will ich nach Farben ordnen.

Achso, wohin? Es zieht mich so sehr in diese eine kleine Provinzstadt, sie muss mich nur wollen. Nach der Eignungsprüfung sehen wir weiter.

(Auf das freuen, was kommt. Tolle Sache. Echt, tolle Sache. So gehört sich das.)


Zwischennotiz

Habemus abiturum. Der Schnitt so wie mein Alter ab morgen. Hui, morgen. Da werde ich im Ballkleid rumzulaufen. Wohin? Muss ich mir noch ausdenken. Und dann, in den nächsten Tagen, ein bisschen was ausbügeln.


Liebe Andrea,

es ist mal wieder an der Zeit. Der Inhalt ein anderer als sonst. Ich hab ihn dir auf den Straßen dieser Stadt und in den Morgenden nach diesen Nächte zugemurmelt. Weiß nicht, ob das so weiter gehen kann mit uns.

In letzter Zeit schiebst du dich ständig in meine Träume und Gedanken. In einer nervigen Beiläufigkeit, mit der ich nichts anzufangen weiß. Das liegt auch an mir selbst; ich lade dich ein, ich hole dich zu mir, ich habe es endlich geschafft, dir in meinem Alltag Worte zu geben. Du bist, zum Glück, wieder das Stückchen Normalität, dass du mal warst. Aber – Je häufiger ich auf dich treffe, umso stärker fällt mir auf, dass du fehlst. Und wie du fehlst! Das nervt.

Also, das erste Mal seit diesem dummen, heißen Juli, dass ich das denke: Du hast einen großen Fehler gemacht. Du hast Scheiße gebaut. Du hast mich allein gelassen. Und ich sitz da, letzte Religionsstunde meines Lebens, und soll mir darüber Gedanken machen, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Logo, dass ich an dich denke. Und soll mir Gedanken machen, ob man Sachen bereuen kann, die man mal richtig fand. Logo kann man.

Als ich dich noch bei mir hatte, voll und ganz und auch noch nicht entfremdet (in deiner Pubertät zum Beispiel, weißt du noch?), fehlte es mir an einem richtigen Freundeskreis. Den habe ich jetzt und du fehlst. So als ob man nie zwei großartige Sachen zusammen haben könnte. Im Juni Abiball und du nicht da (um mich zu sehen, meine Freunde zu sehen, meine Lehrer zu sehen), sondern nur um meinen Hals. So eine Scheiße. (Hühnchen sagte, dass du bestimmt stolz auf mich seist. Ich will das aber nicht aus seinem Mund hören, sondern aus deinem.)

Weiß nicht, worauf ich gerade hinaus will. Will dich ja nicht weniger bei mir haben. Will aber auch nicht ständig von deiner Abwesenheit so durchgeschüttelt werden, als hätte es außer dir nichts gegeben und sei nun alles nur nichts. Weiß nicht, ob das jemals was wird. (Die Gedanken in die eine Richtung, dass es nichts werden kann, dass ich inkomplett bin, dass ich dich wiederhaben will, jetzt sofort. Die Gedanken in die andere Richtung, dass ich alles, was dein war, archivieren will, zugänglich machen will. Ein Du-Museum, in dem das Tolle, das du warst, sichtbar wird. Die Gedanken in die eine Richtung, mich weit von mir weg, bis ich nicht mehr zu sehen bin. Die Gedanken in die andere Richtung, mich ganz weit hinaus, wo durch mich viel passiert.)

Ich bin so müde. Und du kriegst all den Schlaf ab.