Diktatkönigin


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The following is a list of all entries from the Reisen category.

Die kleine und die große Stadt

Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis.

Eine Reise vom Wohnraumzuhause ins abstrakte Zuhause. Von den Bücherwänden zurück ins Fernsehland. Hier wird sparsam geheizt. Ich friere, weil ich mich nicht wettergemäß kleide. Auch in der großen Stadt liegt Schnee. Die große Stadt mit den hohen Häusern und ihrem langen Weg nach unten.

Dem Bruder ins Gesicht furzen, weil ich es kann und es zum Thema passt. Fette Abreibung und der Hinweis, seinem Kumpel das nicht sagen zu dürfen (aus dessen SchülerVZ-Profil: „was ich nicht mag: wenn Typen mir nicht ihre Schwänze zeigen“). Später kauft er mir eine Auster und öffnet sie auch. „Du musst den Schließmuskel durchschneiden, dann ist sie tot. So.“

Die Literaturfreunde und die Schulmenschen wollen Allgemeines aus der kleinen Stadt hören; ich kann nur die Details. Wie es mit dem Schreiben gehe, ob es sich oder mich verändert habe. Das weiß ich nicht. Zweimal Fragen zum Roman. Ich warte auf den Sommer. Er verdient Raum, er soll ihn bekommen. Er braucht Aufmerksamkeit, ungeteilte, ich will sie ihm geben. Dann, wenn wieder T-Shirt-Zeit ist und Finger beim Tippen nicht vereisen.
Übereinstimmung darin, dass ich blühe, strahle. Höre ich häufiger nach Zweifelzeiten. Dass man sieht, wie gut es mir in der kleinen Stadt gehe, an meinem Strahlen. Das liegt an der Freude darüber, wieder Großstadt zu erleben. Das liegt an den guten Menschen der kleinen Stadt, die mich hielten und lachen machten. Viele von ihnen in Dresden, um Stimme und Fäuste gegen Nazis zu erheben.

In der großen Stadt leben bunte und schmutzige Menschen. Ich mag das. Ich stehe gern im Dreck, ich werde wieder baden. Meine Mutter hat mir eine Badewannenablage mit Buchstütze und Gläserhaltern gekauft. Das letzte Mal habe ich noch ein langes Stück Sperrholz benutzt. Schlafe auf einer Ledercouch von der nachts die Decke rutscht, auf der ich liege.

Mein weißes Zimmer gesaugt, bevor ich ging; jetzt mache ich Urlaub im Durcheinander. Pilgerpläne, Politikpläne, Plauderpläne. Programmatisch: Plastikplane über den Herzschmerzschmu. Bringe mich in Sachen Unterschichtenfernsehen, Charts und Schulfreundeleben auf den neuesten Stand. Singe Nachbarhäuser an und so weiter. Die nächsten zwei Wochen werden gut.

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Falsch programmiert worden:

Die Eigenschaft, mich fest und mit allem, was mein großes dickes Herz zu bieten an, an Dinge, Orte, Menschen zu binden und der Impuls, immer wieder neu aufbrechen zu wollen, führen jedesmal zu einem gigantischen Systemfehler.


So Kleinigkeiten


Überlege mich so hin und her und unter manche Idee drunter. Neue Ideen für ein Nach-der-Schule. Die Datenbank der EU für Freiwilligendienste durchstöbern (s.o.), weil ich ja doch ein Pausenjahr machen könnte.
Oder aber ein richtiges Pausenjahr, mit nichts als lesen (nur das, was ich möchte) und ungewöhnlichen Aushilfsberufen, um auch ein bisschen Geld zu sparen. Die Pause natürlich auch zum Schreiben, Roman fertig bauen und Texte verbessern.
Oder direkt nach Schweden, wo Freunde, lang vermisste Freunde, warten. Sie noch ein Jahr warten lassen?
Oder ein halbes Jahr Pause und dann etwas Freiwilligendienst/im Sommersemester nach Schweden?

(Fragt mich nicht, was ich will, ich weiß es schon wieder nicht. Dabei kam ich mir so sicher vor.)

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Heute einen Film vom Entwickeln abgeholt, über die Beschaffenheit der Photoverpackung gewundert. In der Bahn ausgepackt und dann so richtig gestaunt.

Darin: Dias mit Karatekindern. Nicht mein Film.
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Bilde mir ein, dass der Monat März ein ewiges Universum ist. Nicht ungefährlich.
(„Wir haben doch keine Zeit.“)
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Nur nicht nach Norwegen. Kryptische Randnotiz. Nur nicht nach Norwegen.


Aussichten

Englischlernwochenende. Alles eingepackt außer Schulsachen. In Gedanken andernorts. Immer andernorts. Andernorts ist überall.
Kann ganz gut packplanen. Werde nichts vergessen. Bestimmt nicht.

Lauter Menschen zum Gernhaben. Muss ich auch immer wieder dran denken. Habe sie so gerne. Kann auch meinen Antagonisten gernhaben. Wenn ich mir etwas Mühe gebe. Etwas loslasse.

Einsichten. Erschreibe ich mir jetzt. Analog ins große, schwere Residenznotizbuch.
Schönstes Wochenende in die lesende Welt!


Šodien: Muzika!

Neben dem, dass ich gerade nichts gebacken kriege (seit Tagen will ich frueher als Mittags aufstehen, seit Tagen will ich ins Okkupationsmuseum, beides klappt nicht), steckt gerade eine coole Sache im Backofen meines Brains: Ich habe mir ein dickes, grosses und schweres Lettischlernbuch besorgt. Zum Mitnehmen und tragen bloed, zum lernen ganz gut. Weil ich die Sprache unbedingt vertehen und sprechen moechte. Gelernt habe ich zum Beispiel den Lokativ.

Kas ir Rīga? heisst Was ist Riga?
Kas ir Rīgā? heisst Was ist in Riga.

So einfach ist das.

Heute auch Beginn des langersehnten Festivals. Dirigentenehrung um 19.00 Uhr, Generalprobe zum Eroeffnungskonzert um 21.00 Uhr. Hm, da bin ich mal gespannt.


Autuceļu karte

Jetzt, wo ich bald weiterreise und nicht so bald wieder werde schreiben koennen, packt mich sowas wie Heimweh. Oder PMS. Oder beides. Argh.
Ich wuensche euch einen froehlichen Mittsommer, geniesst den laengsten Tag im Jahr, singt der Sonne ein Lied und denkt ein bisschen an mich, damit ich problemlos von einem Ort zum anderen komme. (Rīga-Turaida-Rīga-Viļani-Rezekne-Aglona-Rīga). Macht euch auch Blumenkraenze, tanzt miteinander, esst Kaese mit Kuemmel und waermt euch am Feuer. Dann habt ihr Mittsommer ganz nah bei euch.

Mara: Das ist fuer dich. 🙂


Lietus (a.k.a. der Himmel flennt schon wieder)

Vorhin auf der kleinen Mittelalterschau im historischen Museum.
Eine Familie (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) guckt sich eine Wohnstaette an, es werden Handarbeiten vorgefuehrt, Mehl wird gemahlen und Atemluft in Hoerner geblasen. Ein Mann in Gewandung nimmt ein Schwert und haelt es dem Jungen hin. Der versucht es zu tragen. Eltern angetan. Das Maedchen bekommt das Schwert nicht angeboten. Schliesslich schiebt die Mutter das Maedchen zu der Frau in Gewandung, die gerade Mehl mahlt. Das koenne sie ja mal ausprobieren.

Ich weine.


Krišjanis Barons

Das war ein ziemlich cooler Typ. Der hat Volkslieder gesammelt und damit den Grundstein fuer die Verschriftlichung der lettischen Sprache gelegt und so. Und in dem sein Museum war ich heute. Jaja.
(Eigentlich haette der Gute einen ausfuehrlicheren und ehrenwerteren Beitrag verdient, aber das Leben ist halt kein Kumeliņa-Hof.)
Ich kann jetzt den Trick mit dem ā und dem ō und dem ū (wie in meinem neuen Lieblingswort lūdzu) und dem ē und dem ī (wie in Rīga) und dem ļ und dem ķ und dem Ģ und dem č. Ist ganz einfach, wenn man nur die eine Taste kennt, die alle besonderen Buchstaben zaubermagisch verwandeln kann.
Gestern habe ich einen Chor gesehen. Wow. Achtstimmig ist schon krass. Lobet den Herrn von good old Bach war eines der Stuecke, die zu Ueben waren (fuer den groessten Chorwettbewerb Lettlands). Dann auch etwas Lettisches mit folgendem Inhalt: “Der Schmied schmiedet im Himmel. Kohle rieselt in die Daugava.“ Alter, das Stueck war ja sooo…, also, hm, heftig kann man wohl sagen. Sehr schnell und ziemlich cool komponiert.

Ich werde jetzt mal Unterhosen waschen, denn auch so etwas muss auf langen Reisen getan werden. Neid, anyone? 😉

(So eine Randbemerkung: Ich traeume die letzten Tage seeehr viel und heftig von der Schule. Solche Traeume, die mich auch den Tag ueber beschaftigen. Geht es euch gut, die letzten Tage vor den Ferien? Das interessiert mich, denn seid euch gewiss, die Naechte verbringe ich mit euch.)


Neprotu runat latviski.

Eigentlich will ich Tagebuch schreiben und danach noch in den Garten, deshalb gibt es heute nicht soviel. Sprachlich tut sich ein bisschen was, ich verstehe einfache Telefonwerbung und habe beim Zuhoeren das Gefuehl, auch mal Worte wiederzuerkennen.

Gestern wurde ich im Park von einer alten Frau angesprochen. Ich sagte ihr auf Lettisch, dass ich kein Lettisch koenne, sie fragt auf Deutsch ob ich Deutsch spreche und auf mein Nicken versuchte sie mir etwas auf Lettisch zu sagen. Da kamen drei Maenner, von denen einer, mit leichtem Alkoholgeruch, sich als Dolmetscher anbot. („Daaas ist eine sehr schoene lettische Rentnerin“) Er fragte mich nach meiner (Visiten-)Karte, denn er wollte einen grossen Alkoholverkauf in Deutschland starten. („In Frankfurt leben viele Russen“) Dazu versuchte er ein paarmal mich auf ein Glas Wein/ etwas zu trinken einzuladen, in Lettland mache man das so, das sei nett. Aehm, ja. Als ich darauf bestand, gehen zu muessen, keine Zeit zu haben, nahm er meine Hand und gab mir einen Handkuss. Aber keinen mittelalterlich-oder-britisch-dezenten-ich-tu-nur-so-als-ob-Handkuss, sondern einen halbfeuchten.

Sowas ist mir nicht das erste Mal passiert und ich bin schwer hinundhergerissen, was ich dazu sagen soll. Soll ich es einerseits als eine hoefliche Geste anerkennen, oder schimpfen, weil hoeflich anders aussieht und das nur ein Versuch ist, koerperlichen Kontakt herzustellen, den ich in der Form eher ungeil finde?

Ansonsten sind die Letten, bzw. die Menschen, die hier leben (Was was ist, vermag ich nicht immer zu sagen) sehr zurueckhaltend, sodass ich Schwierigkeiten habe, auf Laechelfang zu gehen, es laechelt irgendwie niemand zurueck.

(Dafuer laechelt die Sonne mich an und ich sammle fleissig Sommersprossen.)


Paldies! Ludzu.

Gee, ich koente mich in diesem Internetcafe ja fast wie zuhause fuehlen, jedenfalls wie im Zimmer meines Bruders. Es ist superstickig (macht ja auch keiner ein Fenster auf) riecht nach Jungenschweiss und um mich herum sitzen im vollen Raum auch genau diese: Jungen, zumeist mit Counterstrike beschaeftigt. (Dafuer ist der Preis gut. 70 Santiems)

Hier ist alles herrlich prima, ich lerne die Parks der Stadt genauer kennen (in denen sitze ich naemlich tagsuber und schreibe, jaaa, Tagebuch*) und versuche mich in Lettisch. Das ist gestern in einer lettischen Burgerfiliale (Hesburgers) zwar tierisch in die Hose gegangen, aber ich probiere es immer wieder. Sage ganz haeufig paldies und freue mich ueber ein ludzu. (Hallo lettische Tastatur, ist ja cool, dass ich mit  dir russische Buchstaben machen koennte, aber wie mache ich denn diesen lettischen Strich ueber das U?)

Danke (also „Paldies“) fuer das Daumen und Zehendruecken, kurz nach dem eintrtag habe ich ueber Couchsurfing eine Unterkunft gefunden und ziehe heute zu einer jungen Frau von der Folkloregruppe Troksnu iela (iela heisst Strasse, es gibt hier auch eine Merkelstrasse, „Merkela iela“. Zumindest bilde ich mir gerne ein, dass das Merkelstrasse heisst.) Zu deren Probe gehe ich heute auch und war gestern war gestern bei der Probe der Gruppe Dandari. Ooooh, wie toll das war! Ich habe mitgetanzt, dass die Schweisstroepfchen nur so flogen (na gut, ich uebertreibe…). Aufnahmen habe ich natuerlich auch gemacht und finde es schade, dass die Aufnahmequalitaet nicht klarer ist. Die Melodien jedoch, holla!, die sind schoen.

Apropos Aufnahme: Waehrend ich heute im Park sass, hoerte ich Marschmusik von der Freiheitsstatue her. (Auf der steht uebrigens Vaterland und Freiheit, und das habe ich ganz alleine geschlussfolgert, ohne Woerterbuch, weil ich wusste was Vater heisst und das andere ganz gut gepasst haette. Tja, das Woerterbuch gab mir sogar recht!) Ich war weise und neugierig genug, mir das anzusehen und wurde Zeugin eines Militaerblasmusikorchesters, dessen Instrumentalisten getanzt haben! Gut, ich ubertreibe, aber die hatten schon eine phaette Choreographie und haben am Ende sogar angefangen zu singen. Alles auf meinem Audiorecorder. Es fehlt nur die Koestlichkeit des Bildes, wie sie hin-und her schwingern, sich drehen, wiegen und huepfen. Tai-chi?

Ich habe uebrigens einen Sonnenbrand.

*Hm, ja, Tagebuch: Ich weiss nicht, wie regelmaessig ich ins Internet kritzeln werde (soll ich ja auch eigentlich nicht soviel), schreibe aber fleissig echtes Tagebuch. 24 Seiten seit Samstag. Vielleicht digitaliesiere ich das. Dann muss ich zwar weinen (=viel Arbeit), aber ihr bekommt etwas ab.