Diktatkönigin


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The following is a list of all entries from the Musik category.

Ambition fingers

(Bild von photocase, gefunden auf zeitonline)

Ein Smoothiefläschchen mit einem Kissen öffnen. Am linken Zeigefinger einen Herzdiamantring tragen. Na, wenn das nicht nach fluffigem Mädchenkitsch klingt. Nach Einhorntattoo und tumblr-Wolkenbildern mit liebesbezogenen Sinnsprüchen. Ja, ich sag nicht Nein zu Marshmellowschaum. Wollte aber etwas anderes erzählen.

Mir geht gerade eine Lust durch den Körper (oha!), weil ich einen schönen Tag und einen Erkenntnismoment hatte. Man muss sich mich so vorstellen: eine von den drei rosigen Bettdecken liegt auf dem Fußboden und ich auf ihr. Da schüttelwinde ich mich nicht nur, weil die Heizungswärme nicht an meinen Rücken heranreicht. Nein. Ich höre Musik. Ich höre sowas und fühle superhelles Sechzehntelpicken in meinen Fingerspitzen (who gets the literary reference?). Ich will wieder. Ich will sowas. Als Ersatz dirigiere ich mit Hüfte und Kopf. Ein Fisch auf dem Trockenen, der arg langsam zappelt. Im Gegensatz zu ihm kreisele ich meine Beine. Können Fische Gänsehäute haben?

Also: Aus mir wird nicht die versierte Violinistin, die ich mit fünf Jahren sein wollte. Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht darum, jung groß zu sein, besser zu sein als, ect. Das kann man gleich aufgeben, das ist Käse (mit falschem Flaum). Zug abgefahren, Ticket vor 15 Jahren verfallen und so weiter. Stattdessen:
Ich will was können. Ich will üben und lernen und besser werden und irgendwann (für mich) all diese Konzerte spielen können, die ich sososo gut finde. MendelssohnVivaldiTschaikowskyDvorakSibeliusVasks. Und wenn es 15 Jahre oder länger dauert. Ich will lernen und üben und meinen Nachbarn auf den Keks gehen. Ich WILL das.
Vorher sah ich mich immer im Vergleich, in dem Ich-bin-so-grottig-die-spielen-so-gut-Vergleich. In Vergleichen, in denen ich mich immer als schlechteste Instrumentalistin der Gruppe erkannte. Vorher hatte ich immer weniger Spaß, weil ich daran dachte, dass ich nie so gut werden könnte, wie… So ein Pustekuchen. Ich werd‘ schon gut, bloß nicht vorgestern, sondern zwanzig Jahre später als der Rest. Und dann, woohoo. Und währenddessen, WOOHOO!

Schöne Sachen machen können. Schöne Sachen machen, ja.

Als ich in Schottland war, hat das Mädchen, bei dem ich wohnte, mir aus der Hand gelesen. Sie strich mehrmals über meinen rechten Zeigefinger und erklärte: „You are very ambitious. See, you have an ambition finger.“ Ich sehe immer noch nichts Außergewöhnliches an diesem Finger. Und ich habe fast zwei Jahre gebraucht, um einzusehen, womit sie recht hatte. Dass sie recht hatte.
Ich werde diese Finger schon in Bewegung bringen.

Gonna hand the bow some flow.
Fingers sing that pick the string.
Lovely thing,
down below.

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Ich kann nicht mehr Geige spielen. Mir ist’s als hätt ich’s nie gekonnt. Der rechte Arm zu schwer, um den Bogen zu heben, ihn gar gerade tanzen zu lassen. Die linke Hand zu träge, um behände zu gleiten, die Finger zu verklebt, um sauber zu springen. Ich glaube, das war’s.


Es war einmal…

Anfang der 90er, als ich meine Identität noch nicht in Konsumgütern ausdrücken konnte und mein kleiner Bruder noch neu war, da hatten meine Eltern eine Lieblingskassette. Es war die Zeit, in der Autos noch wegen Kassettenradios aufgebrochen wurden, weshalb meine Eltern es nach jeder Autofahrt unter dem Beifahrersitz versteckten. Ein klotziges und schweres Teil, bei dem ich mich lange wunderte, wie die breiten Kassetten in den kleinen Schlitz hineinpassen konnten. Die Öffnung war für ihre kurze Seite gedacht.
Es war die Zeit, in der eine einstündige Autofahrt eine unbegreifliche Ewigkeit waren. Wenn da nicht Musik gewesen wäre. Wenn da nicht die Kassette gewesen wäre, die meine Eltern so oft abspielten, dass ich voraussagen konnte, welches Lied als nächstes kommt, ohne die Lieder benennen zu können*. Ich hielt das damals für eine außergewöhnliche, fast mystische Fähigkeit, genauso wie am Klang des Schlüssels erkennen zu können, wer vor der Tür stand.
Zuhause verlangte ich häufiger nach der „Musik mit dem Vogel“, Mozarts kleiner Nachtmusik, auf deren Cover ein Rotkehlchen abgebildet war. Im Auto wollte ich die Kassette hören. Die eine.
Jahre später musste ich nicht viel erklären, um meine Mutter nach dem Verbleib dieser Kassette zu befragen. Sie wanderte. Von Kisten, in einer Dachkammer in Bayern, über Kisten in Frankfurt, zu meiner Stiefoma nach Offenbach. Seit 2004 hatte ich bloß die Gewissheit, dass es sie irgendwo geben müsse. Anders als die Merenguekassette, die mein Bruder und ich damals ebenfalls heiß fanden, weil in einem Lied „Mami“ gerufen wurde und wir das verstehen konnten. Die habe ich mit miesen Radiomitschnitten überspielt.
Jetzt, endlich, zu Weihnachten, als eine Überraschung drückt meine Mutter sie mir in die Hand. Zusammen mit Pocahontas und der Muppetsweihnachtsgeschichte auf Englisch. Vielleicht das beste Weihnachtsgeschenk. Die beste Kassette der Welt. Nur gute Musik. Und ich sitz hinten rechts drin, im roten Honda Concerto und erfinde mich in die Welt, die am kindersicheren Autofenster vorbeifliegt.
Und ich sitz hier, vor dem Computer, erinnere mich, wenn ich nicht aufstehe, um im Spiegelbild meines Fensters wild zu tanzen und erfinde mich nicht mehr, weil ich bin. Erinnere mich nicht sehr, weil es schon so lang her ist. Und ich sitz drin, im Auto, das ich nicht fahren kann, mit der Kassettenplaylist auf einem mp3-Player, mit heruntergekurbelten Fenstern, dem Gesicht im Rückspiegel und aufgedrehten Boxen.
Wer fährt mich, wer nimmt mich mit? Wer kann es sein, vor dem ich tanze und mich gebe, wie vor den potenziellen Unbekannten aus dem Nachbarhaus? Wer wird das Spiegelbild sein, in das ich singe? Wer nimmt mich mit, wer fährt mich? (You got a fast car/ I want a ticket to anywhere/ Maybe we make a deal/ Maybe together we can get somewhere )

Seite B:  „Hits (Snap)“

Queen – We will rock you
Dan Hartman – Relight my fire
Cock Robin – The promise you made
Roxette – Dangerous
Saga – No regrets (live)
Go West – We close our eyes
Michael Jackson – Human nature
Wham – Young guns
Led Zeppelin – Stairway to heaven
Chris Rea – Let’s dance

Seite A: „Hits (Body language)“

Snap – Oops up
UB40 – Red red wine
Charles D. Lewis – Soca dance
Lisa Stansfield – All around the world
Werner – Beinhart wie’n Rocker
LL Cool J – I need love
Pete Townshend – Face to face
? – Unchained melody
Queen – Body language
Tracy Chapman – Fast car
??? (Text in einer afrikanischen Sprache? Can’t identify it)

*Oh mein Gott, ich kann es immer noch. Nach Lisa Stansfield kommt Werner und ich erinnere mich. Weil ich dieses Lied damals ganz besonders ersehnte. Und die Pause zwischen beiden Liedern lang genug ist, um es richtig erkribbeln zu können.


Kas?

Begreife nicht. Das war das. Das war das? Was?

So war ein Orchesterkonzert noch nie.
Erstens: So viele Augen auf mir und dabei auch so guter Zuspruch. Davor: „Ihr schafft das schon!“ und viele, viele, viele aufmunternde Blicke, wenn man sich so umschaut. Im Orchester, alle nicken, lächeln aufmunternd. Im Publikum, Winken und Daumen hoch.
Danach: Wem man begegnet: „Gut.“ „Sehr schön.“ Usw. Echt jetzt?
Denn dazwischen: Fehler, Unsauberkeiten, Unsicherheiten.

In der Pause sehe ich alte Lehrer wieder, langvermisste Lehrer. Komisch. Hätte mehr sagen wollen. Aber Konzertsituation. Da ist man durch den Wind und will noch viele andere grüßen.
Nein, Pause: Es ist so seltsam. Will weinen, es begreifen, es festhalten, damit ich merke, wie ich es verliere. Will weinen über sie und mich und uns und die Situation. Was war das? Es zog so vorbei.

Das war das? Das war Solospielen und sie wiedersehen?
Ja, ich habe, was ich wollte. Der Glanz, den verbesserten Kommentar vom Kritischen. (Vor 5 Jahren: „Deine Referate sind ja sehr gut, aber die Geige…“ Heute: „Das war gut/da hat sich ja richtig was getan. Wenn ich da noch an vor 5 Jahren denke…“), das Soloseindürfeneinevondenendietollsind. Eine von denen. Und das ist schwer. Kann mich in die anderen Solisten reinfühlen, weil ich jetzt begreife, wie schwer das für sie ist. Die Aufregung davor (Herzschlag in Allegro, ohne Mist jetzt), die kleinen Patzer, das Loslassen danach. Die Freude über jedes Kompliment.
(Lächeln vom Dirigenten, Erleichterung.)

Trotzdem nicht richtig.
War die letzten Konzerte so melancholisch, habe mich in die schönsten Sachen reingedacht und nicht mehr rausbekommen. Eine große Welt und viel Sehnen. Heute war es anders. Schnell fertig und ich nicht darin verwebt. Auch die Sache mit diesen Lehrern. Will begreifen, die Tragweite und so weiter, und darüber schluchzen können, aber es geht nicht.
Es ist seltsam, wirklich. Kann’s auch nicht erklären. Bin sehr zufrieden, war fast die Schönste, habe viel Gutes erfahren. Trotzdem ist alles weit von mir weg. Weit.

Morgen geht es weiter.

((Mir ist immernoch schlecht von dem Topf Sahne vom Vortag.))


OMG!OMG!*

Wer an Weihnachten kein Leben hat, oder keine Familie mit Leben oder irgendwie keinen Sinn für Weihnachten und Werte und so, der guckt am 24. Dezember um 20.15 fern.
Würd‘ ich glatt machen. Will ich empfehlen. Es läuft der Film „Så som i himmelen“ in der ARD. Aber dann muss man weinen. Und das wär nicht richtig. Heißt ja nicht Weinachten. Trotzdem. Schön:

*Wenn ich mich freue, klatsche ich in die Hände und rufe das laut. Wie so’n Walroß.


Ein sehr langer Tag,

damit wir ihn nicht vergessen.

Aufwachen, anziehen, um 7.30 Uhr in der Schule.
Kerzenlicht, vorlesen und so besinnliche Adventsworte.
Nach Hause gehen, 8.00 Uhr, Bethmonsterchen in den Ofen.
Physik lernen, Tasche packen, halbverbranntes Marzipan aus dem Ofen.
9.50 Uhr, Unterricht. (Viel: Kubakrise, Süßes verteilen, Waltzing Matilda, australische Lyrik, Geschenkegedanken, Physikklausur.)
Ähm, Physikklausur. Und was gewusst. Physikklausur.
Gespräch für die Besondere Lernleistung, zu spät gewesen, Entschuldigung, gedacht.
Nachhause, ausatmen, einatmen, einpacken, die Geige.
Geigenunterricht, fast verpasst. (Das reimt sich.)
Fast zehn Stunden nach der letzten Zeitangabe, zurück in die Schule.
Fußboden, Herzklopfen, Zettelsuchen.
Nicht helfen, sondern Musik. Ich stehle mich zum Chorkonzert.

Herzschock. Hochrunterklopftränenzuckenkichernvorfrohfrohfroh und auauau. Staubscherben atmen.
Pause. Keine Pause, kleine Pause. Freundepause. Eine alte-Freunde Pause.
Herzschock II. Der Lehrerchor singt. Niedlicher als kleine Kinder.
Zettelschreibenstift. Schwedisch. Im Licht. Klopfen ruhiger. Geht das?
Aus dem Parkett, aus dem dunklen Boden ziehe ich mich neu. Kerzenziehen.

Ja. Es geht. Beim Aufräumen. Beim Zusehen, wie der Lehrerchor sich betrinkt. Was ist niedlicher, singende oder lallende Lehrer?

Und als alles verpackt ist, rübergetragen ist, sauber ist: Frühstückabendessenmittagessen um 23.30 Uhr.
Sechs Liter Glühwein nachhause tragen. Weihnachtsstimmung nachhause tragen.
NU är det Jul igen. Aber wie soll ich denn? Geschenke? Sieben Tage? Wie?

Ein sehr langer Tag, wie Wochen ein Tag und gestern ein Tag wie Jahre. Die Bilanz:

Two handshakes, one kiss, a few hugs. Nicht wenig.


Koru Kari

Das Eroeffnungskonzert am Sonntag war schon schoen. Schon gross. Schon nass. Vor allem gross und mittendrin als kleiner Punkt ich. Das beste daran war aber vielleicht (neben der gigantischen Komposition „Diedot zido, dziedot augu“), als nach dem Konzert die Menschenmengen in die Strassenbahnen stroemten und mit dem Schliessen der Tueren der Bauch der Strassenbahn zu singen begann. Einer stimmt an und alle singen mit. Die Tueren gehen auf und die Menschen auf der Strasse singen mit. So geht das den ganzen Weg.

Das eigentliche Highlight fand aber gestern statt. Koru Kari. Chor Kriege. Ein Chorwettbewerb, in dem 14 Stunden lang die besten Choere Letttlands mit drei Liedern gegeneinander antraten. Musik hoeren ist die eine Sache.  Musik gucken nochmal eine andere. Besonders wenn man so sitzt, dass man nicht nur die Saenger sehen, sondern auch den Dirigenten und der Jury  ins Gesicht blicken kann. Deluxe!
Verliebt habe ich mich dabei in der Schweizer der internationalen Jury, der immer wieder begeistert grinste und bei der Preisverleihung eine Ansprache hielt, die von Freude und Akzent nur so strotzte. Sweet. (Ich glaube er und ich hatten aehnlich haeufig Gaensehaeute.)

Wovon ich eigentlich die ganze Zeit erzaehlen wollte, ist etwas anderes.
Nach dem Wettbewerb wurde auf die Ergebnisse gewartet und dieses Zeit mit Vergnuegen gefuellt. Ilga Reizniece (Geige), Dace Pruse (Akkordeon) und Atis, den ich in Turaida getroffen hatte (Trommel) spielten fuer das Publikum und die Saenger zum Tanz. Einfache Taenze, bei denen jeder mitmachen kann und die grossen Spass machen. Danach immer noch keine Ergebnisse.

Dann beginnt eine kleine Gruppe zu singen. Alle singen mit. Das Publikum, sowohl unten im Saal, als auch auf der Empore und im Treppenhaus ebenfalls. Kein Dirigent, kein diskutierter Vorschlag, einfach singen. Immer wieder, zwischen den Liedern, wird der Ruf nach “Saule, Perkons, Daugava“ (Sonne, Sturm, Daugava) laut. Ein Klassiker. Dazwischen mehrere Gaensehauete. Auch im Gesicht. Brrrr.

Was ich sehr eindringlich teilen muss, ist was ich in der zweiten Reihe im Publikum sah, kurz vor der Mitteilung der Ergebnisse. Der Kanadier in der Jury, der, als er sich vorstellte wahrscheinlich etwas sagte, wie dass er im Herzen Lette sei und wahrscheinlich vor einiger Zeit nach Kanada ins Exil gegangen war (er erklaerte das auf Lettisch, ich kann nur mutmassen), dirigierte. War es Gaismas Pils? War es Put Vejini? Alle standen auf und sangen. Er dirigierte mit geschlossenen Augen und schwebenden Armen, als wuerde er in Stimmen schwimmen. Ein beruehrender Anblick, denn es ging ihm sichtlich nah.
Doch nicht nur ihm. In der zweiten Reihe hielt sich eine blonde junge Frau beide Haende vors Gesicht und schluchzte herzergreifend. Das Maedchen rechts von ihr sah sich hilflos um. Versuchte irgendwann ihr eine Hand vom Gesicht zu nehmen. Als sie loslies, ging die Hand wieder vors Gesicht. Das Weinen hoerte nicht auf. Um sie herum Gesang. Die junge Frau hoerte auch nicht auf zu schluchzen, als das Lied vorbei war. Ich sah noch, wie der Mann in Tracht links von ihr so halb den Arm auf ihre Schulter legte und sie vorsichtig in den Sitz drueckte.
Die ganze Zeit und auch am heutigen Tag frage ich mich, was ihr durch den Kopf ging. Was war passiert?


Mixtapes

Das ist ein etwas umfangreicheres Projekt, aber ich mag es gerne anfangen.

Vor ein paar Monaten, ich war gerade frisch zu meiner Mutter zurückgezogen, habe ich beim Ein- und Umräumen etwas im Schrank unter dem Fernseher entdeckt – uralte Kassetten.

Während ich den dicken Staub von ihnen pustete, erzählte sie mir, dass die mit W. Mayer beschrifteten und nummerierten Kassetten ungefähr 20 Jahre alt sein müssten. Von einem Arbeitskollegen, der damals ein „In“-Typ war, wenn es um Musik ging und alles hatte, was angesagt war, zusammengestellte Mixtapes.

Ein paar habe ich quergehört, unerwegs mit meinem Walkman und qietschfidel bei dem Gedanken, wie modern das mal gewesen sein muss.

Beim Staubwegpusten fühlte ich mich wie eine Archäologin, die einen historischen Schatz entdeckte. Und wie eine Historikerin will ich die Kassetten jetzt systematisch hören, Tracklisten erstellen, das erforschen und archivieren, was die Archäologin gefunden hat.


Geburtstagszettel, no. I


Und dann passiert etwas…

Ich bin ein sonderbarer Partygast. Wer mich einlädt, wird beobachten können, dass ich nicht feiere, selten tanze, auch eher nicht trinke. Stattdessen suche ich mir ein ruhiges Plätzchen, Notizbuch und Stift in der Hand, und schreibe. Ich bin eher ein stiller Typ. Das macht auch nichts. Die anderen zu beobachten macht mir eine Freude. Meistens schreibe ich auf Schwedisch, weil ich nicht möchte, dass Menschen neben mir lesen können, was ich notiere. Es könnte über sie sein. Während ich aufschreibe, dass viele mich fragen, was und worüber ich schreibe (kann ich nicht sagen), fragt mich ein Mädchen, was ich da schreibe. Schwedisch ist meine Geheimsprache. Ich bin eher ein schüchterner Typ. Das macht aber auch nichts. Mit dem was ich schreibe, kann ich mich verunsichern, die Sache selbst stärkt mich aber.

Ein schönes Fest. Ein Freund, ein guter, einer der zuhören kann, Sonnenschein und Vogelschwarm zugleich ist, spielt Musik. Ich schreibe nicht nur, ich singe mit und jubele. In mir eine Wanne von warmen Glück, Alter! Und der Gedanke an Zurückhaltung. Nicht reinrufen, nicht aufdrängen, nicht verlangen. Mich im Rahmen halten. So etwa.

Ich schreibe weiter, immer wieder unterbrochen von netten Menschen, die interessiert daran sind, was ich schreibe. (Ein Roman? Eine Geschichte? Tagebuch?) Dann begeben wir uns zudritt heim, eine liebe Freundin, ihr Freund und ich.

Wir sind müde. Erst im Bus, Gespräche über frustrierende Kleinigkeiten im jugendpolitischen Partizipationsprojekt unserer Wahl. Mache die Augen zu und denke nach. Über den Abend, darüber, wie sehr ich manche Menschen mag. Wie traurig das macht. Darüber, wie lycklig lottad ich bin. Mir hat vorhin jemand einfach so einen mittelgroßen, teuren Lindthasen zugeworfen, golden mit Schleife. Dann in der U-Bahn in Richtung Innenstadt. Gelächter und Schwermut. Ich mache die Augen zu.

Und dann passiert etwas…

Sie sind zu zweit. Hinten im Wagen. Sie Grölen. Fußballlieder (Forza SGE?). Meine Freundin drückt ihren Unmut aus. Dass da alles versammelt ist, was an männlichem Gehabe unangenehm ist. Ihr macht es Angst. Ich find’s auch nicht prima, es macht mir aber nicht soviel aus. Kann es ignorieren. Wir wechseln aber den Waggon, sicher ist sicher. Mein Blick schweift kurz nach hinten. Sie sind jung.

Wir hören sie noch von drüben brüllen, sind aber aus der „Gefahrenzone“. Singen den Refrain eines Liedes vom heutigen Abend, als der Freund meiner lieben Freundin auf meinen Sitz hinweist. – Du armer U-Bahnledersitz. Dein Leben is‘ ’n Witz. Früher Tier, jetzt arme Sau. Dafür sitzt auf dir ab und zu ’ne schöne Frau. – Nacheinander, dann den letzten Satz zusammen. Lächeln.

Und dann passiert etwas…

Sie kommen wieder. Kurz bevor die U-Bahn losfährt. Wir können nicht mehr raus. Sie kommen rein und sagen, dass sie uns hinterhergekommen sind. Super. Das hat uns ja geradenoch gefehlt. Beide schwarz gekleidet, einer hat die Kapuze so aufgesetzt, dass man nur seine Augen sehen kann. Sie setzen sich etwas abseits und grölen wieder. Meine Freundin hat Angst, packt ihr Handy aus und spielt um sich abzulenken. Ich mache die Augen zu.

Das Gegröle wird zum Gebrüll. Ich lehne den Kopf an die Glasscheibe. Es wird schwummrig. Sie sind so laut. Der Freund meiner Freundin versucht sie zu beruhigen, ich will, dass alles aufhört. Könnte man sie ansprechen? Bitten? Abwarten? Aus dem Gebrüll wird Geschrei.

Dann passiert etwas…

Und zwar ganz schnell, während sich alles dreht. Ohrenbetäubend schreien sie „Deeeuutschland, Deutschschland“. ICH WILL, DASS ES AUFHÖRT! Ertrag es nicht mehr. Weg, einfach weg. Bin wütend. Hole Luft –

und kreische.

Bis die Luft weg ist. Mache die Augen auf und sehe die entsetzten Gesichter meiner Freunde. Mir ist schwindlig, ich fange an zu schluchzen, wieder an die Fensterscheibe gelehnt. Sie grölen, lachen mich aus, imitieren mich. Ich bin so wütend. Will meinen Kopf gegen die Fensterscheibe schlagen. Das tue ich aber nicht. Augen zu. Nichts sehen. Verstehen sie denn nichts? Freundin und Freund ziehen mich raus, nächste Station, zurück in den vorherigen Waggon. Sehe kurz hin, mache die Augen wieder zu. Heule weiter. Die anderen Passagiere, besonders ein breiterer Mann nahöstlicher Herkunft fragt was passiert ist. Dann höre ich etwas neues, der Freund erzählt:

Während die beiden ihr Deutschlandgebrüll angebrochen hatten, wandten sie sich zwei schwarzen Menschen im gleichen Waggon zu. Das hatte ich nicht gesehen. Ich saß mit dem Rücken zu ihnen. Habe auch die randalierenden Jugendlichen nur gehört. Ich bin so wütend.

Der Mann fragt weiter, warum ich so weine, ich hätte Angst, antwortet der Freund. Die Freundin versucht mich zu trösten, lobt mich, zittert selbst. Was war das?

Keine Angst. Eher…hm, Verzweiflung. Exitknopf.

Wir hören, dass die beiden aussteigen, aber sie kommen uns nicht hinterher, laufen nur am Wagen vorbei. Der Mann ruft ihnen zu, etwas wie „Was guckt ihr hier rein? Passt bloß auf“, oder so. Dann setze mich mich endlich, mache die Augen auf und höre nach und nach auf zu weinen.

Man könnte die Geschichte hier beenden. So ist das heute Abend passiert. Aber da fehlt noch etwas: Was bedeutet das?

1. Es ist etwas passiert und ich habe etwas getan. Erfolg? Ich weiß nicht. Mein Hals tut jedenfalls noch weh.

2. Ich bin in einer Stadt, die für ihre Kriminalitätsrate bekannt ist, respektlosen, aufdringlichen und aggressiven Menschen begegnet, die auf Provokation aus waren. Trotzdem bin ich von der U-Bahnstation durch die dunkle Stadt alleine nach Hause gelaufen. Weil ich großes Vertrauen habe. An der Ampel, die immer grün wird, wenn sie mich sieht, kam mir ein Mann entgegen, sah mich an. Und wünschte mir einen schönen Abend.

Ich kann aus dem Erlebnis von heute Abend keine Schlüsse ziehen. Wundere mich nur. Ich bin schließlich eher ein stiller Typ. Und plötzlich war da meine Stimme.